Die Wirkung negativen Wissens auf die Entwicklung des Kompetenzprofils „Rescue an Enterprise from Failure“: Eine Interventionsstudie auf der Sekundarstufe II

Universität St. Gallen (HSG), Schweizerisches Institut für Klein- und Mittelunternehmen
Universität Freiburg, Department für Erziehungswissenschaften

Projektleitung:
Prof. Dr. Susan Müller, Assistenzprofessorin für Entrepreneurship, Universität St. Gallen
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Fritz Oser (em.), Universität Freiburg

Laufzeit: 01.03.2016 – 28.02.2018

Unternehmertum („Entrepreneurship“) ist einer der stärksten Treiber für Wachstum und Wohlstand in der modernen globalen Wirtschaft. Nur wenige Faktoren entfalten ähnlich grosse Wirkung auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Innovationskraft oder tragen generell so viel zu einer dynamischen und kompetitiven Wirtschaft bei. Es ist deshalb nicht überraschend, dass politische Entscheidungsträger fordern, dass „Europa mehr neue Unternehmungen und Innovation benötigt“ (eigene Übersetzung aus European Commission, 2012, p. 21). Dies hat zu erneuten Forderungen geführt, Entrepreneurship in den Curricula der Berufsbildung zu verankern, um so das unternehmerische Denken von jungen Menschen anzuregen und ein positiveres Klima für Entrepreneurship zu schaffen.

Trotz des grossen Enthusiasmus für Entrepreneurship, stehen die Chancen für Start-ups eher schlecht: Viele junge Unternehmer scheitern, sowohl in Zeiten wirtschaftlichen Booms als auch in Krisenzeiten. Statistiken zeigen, dass die Hälfte aller Start-ups innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Gründung vom Markt verschwindet. Dies deutet darauf hin, dass es eben sehr viel mehr braucht als die vielbeschworenen Faktoren Leistungsbereitschaft, Widerstandsfähigkeit und Risikobereitschaft, die üblicherweise von Unternehmern erwartet werden. Die Gründung eines neuen Unternehmens erfordert eine optimistische Haltung, da die Unternehmerinnen und Unternehmer davon überzeugt sein müssen, dass ihre unternehmerische Idee im Markt akzeptiert werden wird. Mit anderen Worten, Unternehmer müssen ein Gefühl für den Erfolg haben; einen “Sense of Success“ (SoS).

Unternehmer müssen sich aber auch Wissen über mögliche Fallstricke aneignen sowie Kompetenzen entwickeln, um mit Schwierigkeiten umzugehen, die während der verschiedenen Phasen des Gründungsprozesses auftauchen können. Sprich, Unternehmer müssen auch ein Gefühl für das Scheitern entwickeln, einen “Sense of Failure“ (SoF). Während der SoS sowohl in der Forschung also auch in der Praxis schon lange erkannt wurde, wird ein SoF bisher kaum thematisiert.

Der SoF ist ein Vermeidungsmechanismus, bei dem es um Sicherheit und Verantwortung geht. Es handelt sich gewissermassen um einen siebten Sinn dafür, die Notbremse im richtigen Moment zu ziehen. Dieser siebte Sinn beinhaltet die Aspekte negatives Wissen („negative knowledge“), Überzeugungen, Einstellungen und Verhalten. Als eine zentrale Komponente des SoF wurde negatives Wissen als Wissen darüber konzeptualisiert, wie etwas nicht ist bzw. nicht funktioniert oder als Strategien, die gerade nicht funktionieren, um gewisse Probleme zu lösen. Als Information darüber, was ein schlechtes Konzept oder eine schlechte Strategie ausmacht, kann negatives Wissen die Identifikation und Entwicklung von guten Konzepten und Strategien unterstützen und zur Fehlervermeidung – hier zur Vermeidung von unternehmerischem Misserfolg – beitragen.

Aufbauen auf den Ergebnissen von zwei vorherigen Teilprojekten, besteht das Ziel des Projektes darin, in der Schweiz eine Interventionsstudie (ein Feldexperiment) auf der Sekundarstufe II durchzuführen, um im Rahmen eines Entrepreneurship-Programms den SoF (neben dem traditionellen SoS) zu stimulieren. Im Rahmen der Intervention werden die Berufslernenden einerseits mit authentischen Fällen konfrontiert, in denen Unternehmer mit den häufigsten Scheiternsgründen von Unternehmen zu kämpfen haben. Auf der anderen Seite steht unternehmerisches Wissen und Können. Auf diese Weise sollen die Teilnehmenden lernen, mögliche Fallstricke des Unternehmertums frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Im Rahmen der Interventionsstudie wird mit einem umfassenden Instrument gemessen, wie sich das Programm auf die Kompetenz der Lernenden auswirkt, das Scheitern eines Unternehmens zu verhindern. Ein besonderer Aspekt dieses Instrumentes ist die sognannte Performanz-Messung, bei der Auszubildende Probleme lösen, mit denen Unternehmer konfrontiert werden.

In Bezug auf die Berufsbildung gehen wir davon aus, dass (1) das frühzeitige Erkennen von typischen Fehlern, die während des Prozesses der Unternehmensgründung auftreten, (2) die Reflektion und Analyse von generellen sowie spezifischen Ursachen für das Auftreten dieser Fehler und (3) das Erlernen von Handlungsstrategien zum Umgang mit aufgetretenen Fehlern zur Fehlervermeidung und zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit zukünftiger Jungunternehmer führen kann. Letztlich erwarten wir, dass dieses neue Projekt einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung von zukünftigen Unternehmerinnen und Unternehmern aus den verschiedensten Berufsgruppen leisten kann. Insbesondere kann es zur Entwicklung einer Reihe neuer Kompetenzen beitragen und mit dafür sorgen, dass zukünftige Jungunternehmer weniger häufig scheitern, oder – wenn sie denn scheitern – dass dies mit weniger persönlichen oder finanziellen Belastungen einhergeht.

Projekt auf der Homepage der HSG

Teilprojekt 1: Die Zwillinge "Sense of Failure" und "Sense of Success" bei Jungunternehmern: Entwicklung von Kriterien des "Sense of Failure"

Teilprojekt 2: Die Zwillinge „Sense of Failure“ and „Sense of Success“ bei Jungunternehmern: Entwicklung von validen und reliablen Messinstrumenten für den „Sense of Failure“ und den „Sense of Success“ im Gründungsprozess

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