Modellierung und Messung wirtschaftsbürgerlicher Kompetenzen

Universität Zürich, Institut für Erziehungswissenschaften

Projektleitung:
Prof. Dr. Franz Eberle, Prof. Dr. Stephan Schumann (Universität Konstanz)

Laufzeit: 01.04.2012 – 31.03.2016

Vor dem Hintergrund einer übergeordneten, normativ begründeten Absicht, Lernende in der beruflichen Grundbildung zu beruflicher Tüchtigkeit und Mündigkeit zu führen, kann im Hinblick auf die Ziele einer umfassenden Wirtschaftsbildung von kaufmännischen Auszubildenden zwischen einer auf den Erwerb von berufsspezifischer Handlungskompetenz (Berufsfertigkeit und -fähigkeit) ausgerichteten Ausbildung und der Vermittlung eines allgemeinen Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnisses unterschieden werden. Dieses allgemeine Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnis ist der Kern unserer Vorstellung vom Aufbau einer so genannten wirtschaftsbürgerlichen Kompetenz. Die Förderung von wirtschaftsbürgerlicher Kompetenz erfährt in der kaufmännischen Ausbildung in der Schweiz besondere Aufmerksamkeit, jedoch können auch in Deutschland curriculare Elemente zur Förderung einer solchen Kompetenz in den Lehrplänen und Reglementen der kaufmännischen Ausbildung identifiziert werden.

Angesichts dieser Ausgangslage bestand ein erstes Ziel des Forschungsprojekts darin, das Modell wirtschaftsbürgerlicher Kompetenz näher zu beschreiben und zugleich deren Verhältnis zur kaufmännischen Kompetenz herauszuarbeiten. In einem holistischen Sinn können beide Kompetenzen einer umfassenden Wirtschaftskompetenz untergeordnet werden, welche sich aus fachlich-kognitiven (Wissen und Können) und aus nonkognitiven (emotionalen, motivationalen, volitionalen) Aspekten zusammensetzt. Unter Bezug auf den Vorschlag von Gelman und Greeno (1989) und dessen Adaption auf das berufliche Kompetenzverständnis u.a. durch Winther (2010) unterscheiden die Forschenden sowohl bei den wirtschaftsbürgerlichen als auch bei den kaufmännischen Wissens-und-Könnens-Aspekten zwischen einer domänenspezifischen und einer domänenverbundenen Komponente. Dabei gehen sie davon aus, dass zwischen den beiden domänenverbundenen Komponenten, also zwischen dem wirtschaftsbürgerlichen und dem kaufmännischen Grundlagenwissen, Überschneidungen vorliegen. Über diese theoretische Modellierung hinaus war es ein Hauptanliegen des Forschungsprojekts, ein technologiebasiertes Testinstrumentarium zur Erfassung der wirtschaftsbürgerlichen Kompetenz zu entwickeln.

Die Befunde zur psychometrischen Qualität der Gesamtheit zeigen insbesondere für die Schweizer Stichprobe bis auf wenige Ausnahmen gute Werte. In der deutschen Stichprobe liegt dagegen eine Reihe von Abweichungen aus den üblichen Bandbereichen vor, deren Ursache in weiterführenden Analysen ergründet werden muss. Die Ergebnisse zu den empirisch abbildbaren Kompetenzstrukturen bestätigen die angenommene zweidimensionale Struktur der wirtschaftsbürgerlichen Kompetenz. Die postulierten Dimensionen sind in ihrer Messung reliabel und in durchaus erwartbarem, aber nicht zu grossem Ausmass korreliert. Erstmals liegen im Weiteren Ergebnisse von Teilen der Wirtschaftsbildung bei Berufslernenden im Ländervergleich zwischen der Schweiz und Deutschland vor. Die Schweizer Lernenden schneiden beim Test zur Erfassung der wirtschaftsbürgerlichen Kompetenz besser ab. Die Besonderheit des nicht nur auf die kaufmännisch-berufliche, sondern auch auf die wirtschaftsbürgerliche Wirtschaftskompetenz ausgerichteten Schweizer Curriculums findet hier das entsprechende Äquivalent. Diese auch innerhalb der Schweiz im Vergleich zu anderen Berufen als Spezifität zu bezeichnende Kombination von Allgemein- und Berufsbildung – in allen anderen Berufen gibt es ein von der Berufskunde separiertes Fach „Allgemeinbildender Unterricht“ – bewährt sich somit, auch wenn weitere Forschung dazu noch notwendig ist. Schliesslich ist auch das sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz beobachtbare bessere Abschneiden der Industriekaufleute bzw. MEM-Lernenden gegenüber den Speditionskaufleuten bzw. Spedlog-Lernenden ein Ergebnis, dessen Ursachen nachgegangen werden muss. Die Auswertung der Daten und die entsprechenden Publikationen werden auch nach dem Abschluss der Förderphase des Projekts durch das SBFI weitergehen. Dazu wird die noch tiefere Analyse der strukturellen Zusammenhänge der wirtschaftsbürgerlichen Kompetenz mit den kaufmännisch-beruflichen Kompetenzen gehören wie auch die Zusammenhänge mit den weiteren Leistungsdaten und den Kontextfaktoren.

Im Hinblick auf die Valorisierung sind nicht nur die vielfältigen, im Rahmen des Projekts erweiterten und vertieften Kontakte zu anderen Forschungsinstitutionen und einzelnen Forschenden zu nennen, sondern auch das Kommittent mit den Ausbildungsverantwortlichen der Branchenverbände SWISS-MEM und Spedlog, den Vergleich der Projektergebnisse mit den Ergebnissen an der Lehrabschlussprüfungen zu vertiefen. Zudem zeigen die Verantwortlichen ein grosses Interesse an den Testinstrumenten und deren möglicher Weiterentwicklung zum Einsatz in Ausbildung und Evaluation.

Projekt auf der Homepage der Universität Zürich

https://www.sbfi.admin.ch/content/sbfi/de/home/bildung/berufsbildungssteuerung-und--politik/berufsbildungsforschung/einzelprojekte/themenbereich-kompetenzentwicklung/modellierung-und-messung-wirtschaftsbuergerlicher-kompetenzen.html