Übertritte in die Sekundarstufe II aus Sicht der Berufsbildungsforschung

«Die grossen Lehrstellenüberhänge werden bald Vergangenheit sein»

Nahtstelle-Prof-Wolter
Prof. Dr. Stefan C. Wolter
Bild: ZvG

«Zwei Dinge stechen bei der Wahl der Bildungstypen sofort ins Auge, auch wenn sie nicht wirklich neu sind: Einerseits die markant unterschiedlichen Präferenzen von jungen Frauen und Männern und andererseits die Unterschiede zwischen den Sprachregionen», sagt Prof. Dr. Stefan C. Wolter, Universität Bern, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung in Aarau. Er leitet unter anderem die Herausgabe des vierjährlich erscheinenden Bildungsberichtes Schweiz und wirkt bei der Erhebung des Nahtstellenbarometers als externer Berater mit.

Was lässt sich an der Nahstelle I allgemein beobachten?
Prof. Dr. Stefan C. Wolter: Von einem Jahr zum anderen sind die Bewegungen nicht sehr stark. Aber nun lässt sich auch anhand des Nahtstellenbarometers beobachten, dass die Tendenz in Richtung allgemeinbildender Ausbildung (Gymnasium oder Fachmittelschule) wieder zunimmt. In der April-Erhebung des Nahtstellenbarometers hat über ein Drittel der befragten Jugendlichen angegeben, eine allgemeinbildende Schule besuchen zu wollen. Dieser Anteil ist recht hoch, auch wenn nicht ganz alle der Jugendlichen dies letztlich tun werden.

Der Durchschnitt maskiert, dass diese Bewegung in einzelnen Kantonen sehr ausgeprägt und in anderen noch nicht zu verzeichnen ist. Mit anderen Worten, der Rückgang der Zahl der Jugendlichen, die direkt in eine Berufslehre eintreten, ist derzeit noch stark auf einzelne Kantone konzentriert.

Weshalb hat in den letzten Jahren der Anteil der Jugendlichen, die eine Zwischenlösung wählen, zugenommen?
Die Zunahme bei den Zwischenlösungen war ursprünglich eine Reaktion auf die Lehrstellenkrise in den 1990er-Jahren und damals auch gerechtfertigt. Was uns beim Monitoring dieser Prozesse derzeit Sorgen bereitet, ist eher die Frage, weshalb die Zahl der Direktübertritte nicht wieder stark gestiegen ist. Auch wenn wir beim Nahtstellenbarometer noch auf die August-Erhebung warten müssen, um ein Bild über die nicht besetzten Lehrstellen zu erhalten, können wir davon ausgehen, dass auch dieses Jahr wieder tausende von Lehrstellen nicht besetzt werden können. Gleichzeitig wird eine ebenso grosse Zahl an Jugendlichen eine Zwischenlösung wählen. Während es im Einzelfall durchaus Gründe gibt, weshalb ein Jugendlicher den Eintritt in eine zertifizierende Ausbildung auf der Sekundarstufe II hinauszögert, zeigen unsere neuesten Analysen, dass sich dieser Schritt für die wenigsten Jugendlichen lohnt. Weder erhalten sie später ihre «Traumlehre», noch schliessen sie die Ausbildung eher ab. Ausser dem «verlorenen» Jahr gibt es keinen erkennbaren Nutzen. Vielleicht würde es sich lohnen, den Eltern, den Lehrpersonen und den Jugendlichen vermehrt die Frage zu stellen, ob sie tatsächlich denken, ein Zwischenjahr sei eine bessere Investition als ein Jahr, welches man nach abgeschlossener Ausbildung auf der Sekundarstufe II für Bildung und Berufserfahrung einsetzen kann.

Was fällt bei der Wahl der Bildungstypen durch die Jugendlichen auf?
Zwei Dinge stechen sofort ins Auge, auch wenn sie nicht wirklich neu sind: Einerseits die markant unterschiedlichen Präferenzen von jungen Frauen und Männern und andererseits die Unterschiede zwischen den Sprachregionen. In der Westschweiz und im Tessin ist die duale Lehre ganz klar die zweite Wahl der Jugendlichen, während es in der Deutschschweiz gerade umgekehrt ist. Weiter zeigt das Nahtstellenbarometer, dass sich die Feminisierung der Gymnasien fortsetzen dürfte.

Gegen unterschiedliche individuelle Präferenzen ist nichts einzuwenden. Aber bei solchen Gruppenphänomenen muss man sich die Frage stellen, ob nicht zu viele Jugendliche nur wegen der spezifischen Gegebenheiten des kantonalen Bildungssystems oder den Erwartungen der Eltern falsche oder ineffiziente Entscheide treffen. So zeigt beispielsweise das Nahtstellenbarometer, dass in der Westschweiz auch unter schulisch sehr schwachen Schülerinnen und Schülern der Drang ans Gymnasium verbreiteter ist als unter sehr guten Schülerinnen und Schülern in der Deutschschweiz. Irgendwann rächt sich das im System durch Repetitionen oder Bildungsabbrüche während des Gymnasiums oder später an der Hochschule.

Wie hat sich das Lehrstellenangebot der Unternehmen in den letzten Jahren entwickelt?
Das Lehrstellenangebot ist sehr stabil geblieben. Die zwei grossen Treiber des Lehrstellenangebotes sind die Demographie und die Konjunktur. Die Anpassung an beide Faktoren ist aber relativ langsam. So war in den vergangenen Jahren, während deren wir rückläufige Schülerzahlen hatten, das Lehrstellenangebot dennoch relativ hoch geblieben. Dies hat zu dem seit einigen Jahren zu beobachtenden Lehrstellenüberangebot geführt.

Nun werden die Jahrgangskohorten wieder grösser. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Lücke zwischen Lehrstellengebot und -nachfrage wieder schliesst. Wenn dazu noch eine Rezession käme, was wir nicht hoffen, dann würde sich die Lücke schneller schliessen. Hingegen würde diese Entwicklung etwas weniger schnell erfolgen, falls der Drang in die allgemeinbildenden Schulen weiter anhält. Alles in allem ist aber davon auszugehen, dass die sehr grossen Lehrstellenüberhänge bald Vergangenheit sein werden.

Wie wirkt sich der digitale Wandel auf die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe aus?
Bislang können wir das nur aus dem gesamten Lehrstellenangebot ablesen und da sehen wir keinen grossen Einfluss auf die Ausbildungsbereitschaft. Aber dahinter verbirgt sich, dass sich natürlich praktisch alle Berufsbilder im Zuge des digitalen Wandels verändern. Das führt dazu, dass sich aus der Sicht des Betriebs häufig auch das Wunschprofil für Lernende ändert: Die Lehrstelle wird zwar noch angeboten, aber im Vergleich zu früher bewerben sich vielleicht nicht genügend Interessenten mit dem richtigen Profil darauf. Dort, wo wir den digitalen Wandel am direktesten sehen, im Bereich der Informatiklehre, zeigt das Nahtstellenbarometer, dass die Zahl der Interessenten fast doppelt so hoch ist wie die verfügbaren Lehrstellen. Im März 2019 war der grösste Teil der Lehrstellen schon vergeben. Trotzdem gab es noch einen grossen Teil an Jugendlichen, die angaben, auf der Suche nach einer Informatik-Lehrstelle zu sein. Aus früheren Untersuchungen wissen wir aber, dass der grösste Teil dieser am Ende erfolglos suchenden Jugendlichen nicht über die schulischen Qualifikationen verfügt, die in diesem Lehrberuf verlangt werden. Hier haben wir einen klaren Fall, bei dem die Verantwortlichen, Berufsberatung, Eltern und Lehrkräfte, diese Jugendlichen schon frühzeitig hätten darauf aufmerksam machen müssen, dass sie besser in einem anderen Berufsfeld suchen würden.

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Prof. Dr. Stefan C. Wolter

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