Internationale Forschungsinfrastrukturen und -programme

50 Jahre europäische Zusammenarbeit in Molekularbiologie

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Beginn des Lebens: Die ersten Phasen des Säugetierlebens drehen sich um die Zellteilung. Hier sieht man eine Bilderserie der sehr frühen Entwicklung einer Maus, die die Zellmembranen in blau und die Zellkerne in rot zeigt (Querschnitte in der unteren Reihe). Es ist eine große Herausforderung, diese sehr lichtempfindlichen ersten Phasen des Säugetierlebens zu beobachten. Bildnachweis: Manuel Eguren/EMBL

Heidelberg in Deutschland ist ein Hotspot der Forschung im Bereich Molekularbiologie. Die Stadt am Neckar ist Standort der Europäischen Konferenz für Molekularbiologie und Sitz des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie. Die beiden eng miteinander verbundenen Institutionen sind wichtig für Schweizer Akteure in diesem Bereich: Sie finden hier zum einen erstklassige Forschungsinfrastrukturen vor. Zum andern erhalten vor allem auch junge Forscherinnen und Forscher Zugang zu einem Forschungsnetzwerk auf höchster europäischer Ebene.

Die Molekularbiologie untersucht im Grenzgebiet zwischen Chemie, Medizin und Biologie die molekularen Grundlagen der Zellfunktionen. Beispielsweise geht es um die Frage, wie Proteine strukturiert sind und wie diese funktionieren. Die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung helfen zum Beispiel bei der Entwicklung von Medikamenten.

Boomendes Forschungsgebiet

Vor 50 Jahren war die Molekularbiologie ein noch relativ neues Forschungsfeld. Man ahnte jedoch bereits, dass diese junge wissenschaftliche Disziplin an Wichtigkeit gewinnen würde. Auch ging es aus europäischer Sicht darum, dem «Brain drain» nach Nordamerika entgegenzuwirken.

Aus diesen Beweggründen heraus wurde 1969 die Europäische Konferenz für Molekularbiologie (EMBC) von zwölf Staaten, darunter die Schweiz, ins Leben gerufen. Man orientierte sich dabei am Modell des in Genf angesiedelten Europäischen Laboratoriums für Teilchenphysik (CERN). Auch spielte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bei der Gründung der EMBC als zwischenstaatliche Organisation eine zentrale Rolle. Die Schweiz ist bis heute Depositarstaat des Abkommens. Inzwischen sind 30 Staaten Mitglied der EMBC.

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Eine fluoreszierende chemische Gruppe zeigt die Position der Lipide in einer Zelle an. In lebenden Organismen werden Lipide hauptsächlich als Strukturkomponenten in Zellmembranen, als Energiespeicher oder als Signalmoleküle gebraucht.
Bildnachweis: Schultz Group/EMBL

Exzellenzförderung in der Molekularbiologie

Die Konferenz hat über all die Jahrzehnte hinweg dazu beigetragen, dass sich die Forschenden in der Molekularbiologie innerhalb Europas koordinieren und dass das weite Feld der Molekularbiologie auf der Agenda der Forschungsförderung steht.

Heute ist die Hauptrolle der EMBC, das Forschungsprogramm der ebenfalls in Heidelberg angesiedelten Europäischen Organisation für Molekularbiologie (EMBO) zu finanzieren. Die EMBO ist eine wissenschaftliche Gesellschaft, welche nach dem Exzellenzprinzip Mobilitäts-Stipendien an Forschende vergibt. Diese Stipendien werden – ähnlich wie die Stipendien des Europäischen Forschungsrates (ERC) – in einem internationalen Wettbewerb nur an die besten Forscherinnen und Forscher vergeben. Entsprechend hoch ist das mit diesen Stipendien verbundene Prestige.

Das fünfzigjährige Jubiläum der EMBC wurde Ende Juni 2019 mit einem wissenschaftlichen Symposium gefeiert. Die verschiedenen Referate haben gezeigt, dass Forschung im Bereich der Molekularbiologie sehr vielseitig und von bedeutender gesellschaftlicher Relevanz ist.

Modernste Mikroskope, starker Nachwuchs

Das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) wurde ursprünglich als «Sonderprojekt» der EMBC gegründet. Inzwischen ist daraus eine unabhängige Organisation mit 27 Mitgliedstaaten geworden. Das EMBL verteilt sich europaweit auf sechs Standorte: Heidelberg, Hinxton (Vereinigtes Königreich), Hamburg, Grenoble, Rom und Barcelona. Das dezentrale Laboratorium zählt zurzeit insgesamt rund 1700 Mitarbeitende.

Das EMBL hat mehrere Aufträge: Einerseits bietet es den Forschenden aus den Mitgliedstaaten hochkarätige Serviceleistungen, beispielsweise im Bereich der Mikroskopie oder der Strukturbiologie. Andererseits leistet das EMBL mit einem Doktoratsprogramm und zahlreichen Kursen auch einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung des Nachwuchses. Neuerdings befindet sich in Heidelberg das «EMBL Imaging Center» im Bau. Dieses Zentrum wird in Sachen moderne Mikroskopie weltweit an der Spitze sein.

In den Laboratorien des EMBL wird nachweislich Spitzenforschung betrieben: Aus ihnen geht eine ausserordentlich hohe Zahl an Publikationen in den besten wissenschaftlichen Zeitschriften hervor und sie stellen eine eindrückliche Zahl an ERC-Stipendiatinnen und -Stipendiaten.

Die Schweiz und das EMBL haben eine lange und fruchtbare Beziehung. Unser Land fungiert gleich wie für die EMBC als Depositarstaat und war einer der Gründerstaaten. Zudem hatten schon zahlreiche Schweizer Molekularbiologinnen und -biologen die Gelegenheit, am EMBL einen Teil ihrer Karriere verbringen zu dürfen. Der Lausanner Professor Jaques Dubochet ist wohl das prominenteste Beispiel: In den 1980er Jahren forschte er am EMBL und machte dort die grundlegenden Entdeckungen, die 2017 in seinen Nobelpreis in Chemie mündeten.

Neue EMBL Generaldirektorin Prof. Edith Heard

Das EMBL wurde während 14 Jahren von Professor Iain Mattaj, einem britischen Biochemiker, geleitet. Diese Zeit war geprägt von starkem Wachstum: Acht neue Mitgliedstaaten sowie zwei aussereuropäische assoziierte Staaten sind in dieser Zeit zum EMBL gestossen. Die jüngste Aussenstation, Barcelona, wurde ebenfalls in dieser Zeit eröffnet.

Seit Anfang 2019 hat eine neue Ära begonnen. Professor Edith Heard, eine britische Zellbiologin, die seit 2012 eine Professur für Epigenetik am Collège de France in Paris ausübt, hat das Zepter übernommen. An der EMBL-Ratssitzung im Juni hat sie den Delegierten ihre Vision für das EMBL vorgestellt: Das Laboratorium könnte sich in Zukunft vermehrt den Ökosystemen widmen und die modernen Werkzeuge der Molekularbiologie auf dieser Ebene anwenden.

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Doris Wohlfender, SBFI

Wissenschaftliche Beraterin Ressort Internationale Forschungsorganisationen
T +41 58 465 12 26

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