Praxisintegrierter Bachelorstudiengang an Fachhochschulen

Erste Erkenntnisse liegen vor

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Das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF lancierte 2014 in enger Abstimmung mit den Kantonen, der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen (swissuniversities) und den Organisationen der Arbeitswelt zur Bekämpfung des Fachkräftemangels im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) den praxisintegrierten Bachelorstudiengang als befristeten Pilotversuch – ein Novum in der Zulassung an die Fachhochschulen. Eine nun vorliegende Schlussevaluation kommt grundsätzlich zu einem positiven Ergebnis. Aufgrund der kurzen Laufdauer sind die Resultate jedoch mit Vorsicht zu interpretieren, es braucht weitere Erfahrungen.

Die Fachhochschulen (FH) wurden in den 1990er-Jahren mitunter gegründet, um die Berufsbildung zu stärken: Wer sich nach der obligatorischen Schule für eine berufliche Grundbildung entscheidet, soll auf Tertiärstufe Anschluss an Studiermöglichkeiten haben. Die Fachhochschulen zeichnen sich durch praxisorientierte Studien und anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung aus. Sie haben die Berufsbildung entscheidend aufgewertet.

Königsweg Berufsbildung

Die prüfungsfreie Zulassung an eine Fachhochschule erfolgt über die Berufsmaturität in Verbindung mit einer beruflichen Grundbildung in einem mit dem Fachbereich verwandten Beruf. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik kommen heute im Bereich Technik und IT rund 70 Prozent der Anfängerinnen und Anfänger eines Bachelorstudiums mit einer Berufsmaturität an die Fachhochschulen. Sie machen das Gros der Studierenden an Fachhochschulen aus (siehe Grafik).

Personen mit einer gymnasialen Maturität oder mit einer Berufsmaturität mit fachfremder Studienrichtung können ebenfalls an einer Fachhochschule studieren. Voraussetzung ist allerdings, dass sie vor der Zulassung zum FH-Studium eine einjährige Arbeitswelterfahrung absolvieren (siehe Tabelle).

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Beitrag zur Minderung des Fachkräftemangels

Im Rahmen der vom WBF 2011 lancierten Fachkräfteinitiative wurden mit einem Pilotversuch neue Wege gesucht, um dem Fachkräftemangel im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik entgegenzuwirken. Eine dieser Massnahmen sind die praxisintegrierten Bachelorstudiengänge. Personen mit einer gymnasialen Maturität oder mit einer Berufsmaturität mit fachfremder Studienrichtung können so direkt ein FH-Studium beginnen. Um die fehlende Arbeitswelterfahrung wettzumachen, dauern die praxisintegrierten Bachelorstudiengänge jedoch länger und verfügen über grössere und qualifiziertere Praxisanteile als normale Bachelorstudiengänge: Die Studiendauer umfasst vier Jahre (statt drei) und einen Praxisanteil in einem Unternehmen im Umfang von 40 Prozent. Zudem muss bei Aufnahme des Bachelorstudiums ein mit einem Unternehmen abgeschlossener und von der Fachhochschule validierter vierjähriger Ausbildungsvertrag nachgewiesen werden.

Befristeter Pilotversuch

Da die Aufnahmebedingungen zu den praxisintegrierten Bachelorstudiengängen von den gesetzlichen Zulassungsvoraussetzungen an die Fachhochschulen abweichen, musste das WBF den Pilotversuch befristen und auf Verordnungsebene regeln.

Die praxisintegrierten Bachelorstudiengänge wurden 2015-2019 von vier Fachhochschulen angeboten. Von den insgesamt 171 Studierenden sind die meisten an der Fachhochschule Südschweiz (SUPSI) und an der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) sowie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) eingeschrieben. Das Studienangebot wird im Weiteren auch von der Berner Fachhochschule (BFH) sowie von der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) geführt.

Ergebnisse der Schlussevaluation

Das Zürcher Beratungsbüro econcept AG führte im Auftrag des SBFI eine Schlussevaluation des Pilotversuchs durch. Insbesondere wurde untersucht, «wie sich die Zulassung auf die Studierendenzahlen und auf die Praxisorientierung der Studierenden in den betroffenen Studiengängen auswirkt».

Die Studie kommt zu einer insgesamt positiven Gesamteinschätzung der praxisintegrierten Bachelorstudiengänge (PiBS). Die wichtigsten Erkenntnisse sind:

  • Konformität von PiBS gegeben: Die Umsetzung von PiBS ist in allen Unternehmen, FH und in allen Studiengängen konform mit den gesetzlichen Vorgaben.
  • Attraktivität für Studierende und Unternehmen – bei kleinen Zahlen: Die Attraktivität von PiBS zeichnet sich insbesondere durch die Kombination von Studium und Praxis im Unternehmen aus. Jedoch bleibt die Anzahl Studierenden mit gesamthaft 171 Immatrikulationen über vier Jahre klein.
  • Umsetzung von PiBS funktioniert – bei vergleichbaren Kompetenzen der Studierenden am Ende des Studiums: Die Umsetzung von PiBS in der Pilotphase funktioniert an verschiedenen FH und in unterschiedlichen PiBS-Modellen. Die Kompetenzen der PiBS-Studierenden am Ende des Studiums sind vergleichbar mit jenen anderer FH-Studierender, wobei die Datenlage dazu jedoch noch gering ist.
  • Beitrag zur Minderung des Fachkräftemangels in einzelnen Unternehmen – bei aktueller Ungewissheit hinsichtlich Verbleib im Arbeitsmarkt: PiBS unterstützt das Angebot nach FH-Absolventeninnen und -absolventen im MINT-Bereich auf Ebene Einzelunternehmen und spricht ganz besonders auch Frauen an. Da die ersten PiBS-Absolventinnen und -absolventen erst im Sommer 2019 abgeschlossen haben, kann ihr Verbleib im Arbeitsmarkt noch nicht beurteilt werden.
  • Keine negativen Effekte auf die Bildungssystematik während Pilotphase: PiBS führte während der Pilotphase zu keinen Auswirkungen auf die Bildungssystematik im Sinne einer Veränderung der Zulassung zu den FH mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis und Berufsmaturität, des Niveaus der Lehrveranstaltungen oder einer Verdrängung von Berufslernenden in den Unternehmen im MINT-Bereich.
  • Steigende Nachfrage zu erwarten – Unternehmen weiterhin als Nadelöhr: Bei einer allfälligen Institutionalisierung von PiBS im MINT-Bereich kann eine steigende Nachfrage seitens der Studierenden erwartet werden. Auch die Angebote seitens der FH und die Nachfrage der Unternehmen könnte steigen, wobei die bisherige Praxis zeigt, dass Unternehmen PiBS gezielt einsetzen und Studierende selektiv rekrutieren.

Weiteres Vorgehen

Der Hochschulrat der Schweizerischen Hochschulkonferenz hat an seiner Sitzung im November 2019 die Ergebnisse der Schlussevaluation zum Versuch der praxisintegrierten Studiengänge an Fachhochschulen zustimmend zur Kenntnis genommen. Er unterstrich, dass zusätzliche Datenerhebungen und eine Wirkungsanalyse notwendig seien, um abschliessend beurteilen zu können, ob der Pilotversuch einen Beitrag zur Minderung des Fachkräftemangels im MINT-Bereich leistet. Erst auf dieser Grundlage werde es möglich sein, über eine allfällige Verstetigung dieses Studienmodells zu entscheiden.

Der Hochschulrat beantragt deshalb zuhanden des WBF und des Bundesrats, den Pilotversuch bis und mit Startjahrgang 2025 zu verlängern und 2023 eine abschliessende Wirkungsanalyse durchzuführen.

https://www.sbfi.admin.ch/content/sbfi/de/home/dienstleistungen/publikationen/publikationsdatenbank/s-n-2019-5/s-n-2019-5h.html