Bundes-Exzellenz-Stipendien als Sprungbrett

«Ich möchte mit der Universität Fribourg weiterhin in Verbindung bleiben»

Mayron Pereira Piccolo Ribeiro (34) stammt aus einer Kleinstadt im Südwesten Brasiliens. Er absolvierte je ein Bachelorstudium in Theologie und Psychologie, bevor er sich in seinem Masterstudium der Verhaltenspsychologie auf Psychobiologie spezialisierte. Dank eines Exzellenz-Stipendiums des Bundes forscht er seit 2017 als Doktorand in klinischer Psychologie an der Universität Fribourg. Zurzeit ist er daran, seine Arbeiten in der Schweiz abzuschliessen und seine Karriere in den USA fortzuführen. Das Exzellenz-Stipendium des Bundes hat ihm dabei sehr geholfen.

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Mayron Pereira Piccolo Ribeiro ist einer von jährlich knapp 400 ausländischen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, die mit einem Exzellenz-Stipendium des Bundes an einer Schweizer Hochschule forschen. Bild: zVg

Woran forschen Sie?
Mayron Piccolo: Ich beschäftige mich mit Menschen mit Essstörungen oder gestörtem Essverhalten im Zusammenhang mit Belohnungsreaktionen. Belohnungen kontrollieren alle Aspekte in unserem Leben, und Essen spielt da neben Geld oder sozialen Interaktionen eine wichtige Rolle. Interessant ist, dass bei Menschen mit gestörtem Essverhalten das durch das Essen hervorgerufene Belohnungsgefühl nicht nur durch den Ernährungszustand (hungrig oder nicht hungrig) bestimmt wird. Bei Menschen mit sogenannter Adipositas ruft leckeres Essen beispielsweise in grösserem Ausmass als bei Menschen ohne Adipositas auch dann noch eine starke Belohnungsreaktion hervor, wenn sie schon satt sind.

Warum entschieden Sie sich für dieses Forschungsfeld?
Ich war früher selber adipös, was die Wahl meines Forschungsthemas sicher beeinflusst hat. Ursprünglich hat mich eine Frage besonders interessiert: Warum wird die genau gleiche Portion an schmackhaftem Essen – etwa ein Stück Zitronenkuchen – von Menschen mit Adipositas kleiner eingeschätzt als von Menschen ohne Adipositas? Damit habe ich mich lange auseinandergesetzt und kam so zu meinem Forschungsgebiet.

Wie ist es zum Kontakt mit der Universität Fribourg gekommen?
Ich wurde von meiner Universität in Brasilien auf die Exzellenz-Stipendien der Eidgenossenschaft aufmerksam gemacht. Darauf habe ich nach Professoren in klinischer Psychologie an Schweizer Hochschulen gesucht, die sich aus psycho-biologischer Sicht mit Belohnungsinteraktionen beschäftigen. Ich stiess auf Professorin Chantal Martin Sölch, von der ich auch schon einige Publikationen gelesen hatte, und nahm Kontakt mit ihr auf. So fing alles an.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Ihrer Supervisorin?
Professorin Chantal Martin Sölch hat mich von Beginn an sehr aktiv unterstützt. Ich konnte sehr viel von ihren Anregungen und kritischen Feedbacks profitieren. So habe ich es geschafft, zwei Papers, die Teil meiner Doktorarbeit sind, zu publizieren. Das dritte ist gerade im Review-Prozess.

Wie beurteilen Sie das Stipendienprogramm?
Ohne das Stipendium hätte ich niemals den wissenschaftlichen Output generieren können, der nun während meines Doktorats entstanden ist. Insofern bin ich unendlich dankbar dafür. Besonders wichtig scheint mir, dass das Programm auch Personen in Entwicklungsländern offensteht, wo die Wissenschaft teilweise einen weniger hohen Stellenwert hat. Angesichts der finanziellen Kürzungen bei wissenschaftlichen Programmen in Brasilien wäre ich zuhause niemals unterstützt worden. Dank des Stipendiums konnte ich doktorieren und hatte sogar die Möglichkeit, Texte aus meinem Masterstudium weiterzuentwickeln und Beiträge für Bücher und Konferenzen daraus zu machen.

Wie gefällt es Ihnen in der Schweiz?
Die Schweiz ist einer der schönsten Orte, die ich je gesehen habe. Aber das Beste sind die Menschen, die hier leben. Sie sind unglaublich höflich, sehr hilfsbereit und man kann ihnen wirklich vertrauen. An meinem ersten Tag in Fribourg ging ich in ein Geschäft, um ein Bett zu kaufen. Man sagte mir, das Bett könne innerhalb von zwei Wochen geliefert werden, was für mich natürlich zu spät war. Ich brauchte es sofort, da ich ansonsten auf dem Boden hätte schlafen müssen. Der Verkäufer und sein Chef erklärten sich daraufhin spontan bereit, mir nach Ladenschluss unter die Arme zu greifen. Der Chef übernahm den Transport des Bettes, und der Verkäufer, der sich als mein Nachbar entpuppte, half mir zuhause beim Zusammenbauen.

Gab es nie schwierige Situationen?
Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde in Brasilien. Und mein erster Winter hier war für mich als Latino eine echte Herausforderung. Ich glaube, nach etwa fünf Besuchen beim Arzt hatte ich mich schliesslich daran gewöhnt.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Mein Wunsch ist es, auch in den kommenden Jahren relevante Arbeiten zu veröffentlichen und dadurch ganz direkt Menschen mit Essstörungen oder gestörtem Essverhalten zu helfen. Natürlich hoffe ich auch, dass ich weiter in irgendeiner Form mit der Universität Fribourg zusammenarbeiten kann, zum Beispiel als Gastdozent. Mein Doktorat ist demnächst zu Ende. Ich bin jetzt bereits im Labor des McLean Hospital an der Harvard Medical School in den USA tätig, also in der weltbesten psychiatrischen Klinik, die zu einer der renommiertesten Bildungsinstitutionen der Welt gehört. Hier habe ich soeben eine Bewerbung für ein Postdoc-Stipendium eingereicht. Ich werde der Schweiz auf ewig dankbar sein, dass sie mir mit dem Bundes-Exzellenz-Studium diesen Weg ermöglicht hat.

Die Supervisorin

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Prof. Chantal Martin Sölch
Bild: Pierre-Yves Massot

Chantal Martin Sölch ist ordentliche Professorin am Departement für Psychologie und Vize-Rektorin der Universität Fribourg

Aufgrund welcher Kriterien haben Sie sich entschieden, Mayron Piccolo als Doktoranden in Ihre Forschungsgruppe aufzunehmen?
Prof. Chantal Martin Sölch: Das erste Kriterium war natürlich die hohe Qualität des Entwurfs für sein Doktoratsprojekt. Von Vorteil waren auch seine Ausbildung in experimenteller Psychologie, seine klinische Erfahrung und dass er bereits Arbeiten publiziert hatte. Zudem passten sein Thema und seine Interessen bestens zu den Forschungsprojekten unserer Gruppe. Nicht zuletzt brachte er auch einen gewissen Schwung mit. Ich führte per Skype ein Interview mit ihm, um ihn kennenzulernen. Dabei bekam ich den Eindruck, dass er sehr motiviert war und den Mut, die Aufgeschlossenheit und den Einfallsreichtum mitbrachte, die für ein solches Abenteuer notwendig sind. Ich spürte, dass er sich gut in unser Forschungsteam würde einfügen können.

Inwiefern profitiert die Forschungsgruppe von der Zusammenarbeit mit ihm?
Generell ermöglicht die Arbeit mit ausländischen Studierenden und Doktorierenden unserer Forschungsgruppe, einen anderen Blickwinkel auf die Welt, die Forschungsfragen, die Auswirkungen von Forschung und die akademische Laufbahn einzunehmen. Es hilft uns auch, die Hintergründe der Menschen, mit denen wir uns auf internationaler Ebene und auf Kongressen austauschen, besser zu verstehen und neue Ideen zu entwickeln. Ich denke, dass der gegenseitige Austausch und der Perspektivenwechsel für beide Seiten sehr förderlich sind.

Sind Sie interessiert, auch in Zukunft solche «Tandems» zu machen?
Meine Erfahrungen mit ausländischen Doktorierenden waren bisher äusserst positiv. Sie sind oft sehr motiviert und talentiert. Auch die Zusammenarbeit mit Mayron Piccolo war sehr erfolgreich – sowohl auf akademischer wie auch auf menschlicher Ebene. Ich bin stolz, dass ich ihn begleiten konnte und hoffe, dass ihm nach dem Doktorat eine vielversprechende wissenschaftliche Karriere gelingt.

Aktuell gibt es in meinem Team noch zwei neue Doktorierende mit einem Bundesstipendium, sie stammen aus Kamerun beziehungsweise Indien. Um diesen kulturellen Reichtum in einem grösseren Rahmen zu nutzen, haben wir mit ihnen ein interkulturelles Kolloquium für unsere Masterstudierenden ins Leben gerufen. Bevor ich nun über die weitere Aufnahme von Stipendiaten entscheide, möchte ich gerne die aktuellen Doktorierenden bis zur Promotion begleiten. Die Betreuung ausländischer Doktorierender ist in der Regel etwas aufwändiger, da sie alleine hierherkommen, unser Land und System nicht kennen und vor allem zu Beginn sehr viele Fragen haben.

Die Interviews führte Marco Lügstenmann, SBFI, Abteilung Hochschulen

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