Perspektive Berufslehre 2020

«Die Task Force bündelt Kräfte»

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Dani Duttweiler ist Leiter des Ressorts Berufsbildungspolitik im SBFI und Projektleiter der Task Force «Perspektive Berufslehre 2020».
Bild: Sabine Moser

Im Mai hat Bundesrat Guy Parmelin das SBFI beauftragt, eine nationale Task Force zur Stärkung der Berufsbildung zu bilden. Im Interview erklärt Projektleiter Dani Duttweiler vom SBFI, wie die bis Ende 2020 tätige Task Force Lehrstellensuchende und Betriebe unterstützt und weshalb es das verbundpartnerschaftliche Engagement braucht.

Seit Anfang Mai 2020 ist die Task Force «Perspektive Berufslehre 2020» im Einsatz. Welches sind ihre Aufgaben?
Dani Duttweiler: Der normale Ablauf der Berufswahl und der Einstellungsverfahren wie Schnupperlehren oder Vorstellungsgespräche ist durch die aktuelle Corona-Situation beeinträchtigt. Die Task Force setzt sich dafür ein, dass trotz allem möglichst viele Jugendliche eine Lehrstelle finden. Auf der anderen Seite sollen Lehrbetriebe ihre offenen Lehrstellen besetzen und damit ihren Bedarf an künftigen qualifizierten Fachkräften decken können.

Was heisst das konkret – was tut die Task Force genau?
Die Task Force bündelt Kräfte. Zum einen beobachtet sie in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt die Lage auf dem Lehrstellenmarkt sowie die Situation der Lehrabgängerinnen und -abgänger. Grundlage dazu sind regelmässige Erhebungen. Jeweils anfangs Monat werden die Ergebnisse kommuniziert. Dieses Monitoring hilft, frühzeitig Tendenzen und allfälligen Handlungsbedarf zu erkennen. Zum andern macht die Task Force Massnahmen wie Lehrstellenförderung oder Coaching als bewährte Instrumente sichtbar und trägt zur Vernetzung der Akteure bei. Ein wichtiger Teil ist auch der speziell eingerichtete Förderschwerpunkt des Bundes. Das SBFI kann auf diesem Weg Projekte von Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt gezielt unterstützen.

Wie setzt sich die Task Force zusammen?
Die Task Force baut auf bestehenden Strukturen auf und setzt sich aus den Mitgliedern des Steuergremiums «Berufsbildung 2030» zusammen. Sie ist dadurch verbundpartnerschaftlich organisiert und vereint Bund, Kantone und Sozialpartner an einem Tisch. Rémy Hübschi, Vizedirektor des SBFI und Leiter der Abteilung Berufs- und Weiterbildung, leitet die Task Force. Die Zusammensetzung bewährt sich. Denn oftmals betreffen Fragen wie die Intensivierung von Beratungsangeboten für Jugendliche mehrere Verbundpartner und können so gemeinsam besprochen werden.

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Die Task Force «Perspektive Berufslehre 2020» stützt sich auf bestehende Strukturen und stärkt die Akteure vor Ort.

Die Themen Arbeitsmarkt und Lehrstellen betreffen auf Bundesebene aber nicht nur das SBFI.
Das stimmt, deswegen tauschen wir uns mit anderen Bundesstellen über ein Sounding Board aus. Dort können Themen der Task Force mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft, dem Bundesamt für Sozialversicherungen und dem Staatssekretariat für Migration besprochen und deren Anliegen an die Berufsbildung aufgenommen werden.

Wie werden Jugendliche und Unternehmen unterstützt?
Hier spielen die Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt eine zentrale Rolle. Ihr Massnahmenspektrum ist breit: Auf der sogenannten Nachfrageseite, also bei den Lehrstellensuchenden, reicht die Palette von Information und Beratung durch die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung über Internet-Portale, Coaching und Mento­ring bis hin zu Lehrstellenbörsen und «Last-Minute-Lehrstellen-Speed-Dating».

Auf der Angebotsseite werden die Unternehmen zum Beispiel durch die Lehrstellenförderung unterstützt, können auf die Beratung der kantonalen Berufsbildungsämter zählen und profitieren von Berufsmarketing durch die Branchenverbände. Auch können mehrere Betriebe gemeinsam in einem Verbund ausbilden. Der Bund hat die Möglichkeit, die Anstrengungen der Verbundpartner über die Projektförderung finanziell zu unterstützen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Projektleiter der Task Force seit Mai gesammelt?
Im Gegensatz zu angespannten Lehrstellensituationen in früheren Jahren ist die Berufsbildung heute grundsätzlich gut aufgestellt. Alle Kantone verfügen über ein bewährtes und erprobtes Set an Unterstützungsmassnahmen. Auch die Organisationen der Arbeitswelt setzen sich für ihre Branchen und Betriebe ein. Das Instrumentarium kann bei Bedarf ausgedehnt oder mit zusätzlichen Massnahmen erweitert werden. Zudem zeigt sich einmal mehr, dass die Lehrstellensituation je nach Kanton und Branche unterschiedlich ist. Es gibt nicht die eine richtige Lösung für alle. Deshalb sind Flexibilität und bottom-up-ausgerichtete Projekte entscheidende Erfolgsfaktoren. Die Task Force sorgt dabei auf nationaler Ebene für Vernetzung und Austausch.

Welches sind aktuell die grössten Herausforderungen auf dem Lehrstellenmarkt?
Im Vordergrund steht, dass alle Jugendlichen eine Lehrstelle oder passende Übergangslösung finden. Informationsveranstaltungen und Schnupperlehren waren während des Lockdowns nur eingeschränkt möglich. In den letzten Wochen und Monaten setzte deshalb ein eigentlicher Aufholprozess ein. In den Sommermonaten 2020 gilt es, gut darauf zu achten, wie und in welchem Ausmass die Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger auf dem Arbeitsmarkt Tritt fassen können. Bei Bedarf kommen hier insbesondere arbeitsmarktliche Massnahmen zum Zuge.

Ein besonderes Augenmerk ist längerfristig darauf zu legen, dass die Berufsbildung attraktiv bleibt. Nach wie vor entscheiden sich zwei von drei Jugendlichen in der Schweiz für eine Berufsbildung. Das ist erfreulich, denn die Wirtschaft ist auf qualifizierte Fach- und Führungskräfte angewiesen. In verschiedenen Branchen bekunden die Betriebe jedoch Mühe, geeignete Lernende zu rekrutieren. Matching-Angebote wie Lehrstellenbörsen oder Tischmessen sollen Jugendliche und Unternehmen zusammenbringen. Mit der Berufsmaturität und den Angeboten der höheren Berufsbildung stehen attraktive Karrierewege bereit.

Nun sollten die Verträge für den diesjährigen Lehrbeginn eigentlich unterzeichnet sein. Warum braucht es die Task Force weiterhin?
Diesen Sommer haben rund 75'000 Jugendliche in der Schweiz ihre berufliche Grundbildung abgeschlossen. Diese Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger strömen nun auf den Arbeitsmarkt. Die Task Force beobachtet auch diese Entwicklung, um frühzeitig reagieren zu können. Abgesehen davon blickt die Task Force bereits in Richtung Lehrstellenvergabe 2021. Denn es stellt sich die Frage, wie sich die Wirtschaft und damit einhergehend die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe entwickelt.

Werden die Auswirkungen von Corona auf den Lehrstellenmarkt auch 2021 noch spürbar sein?
Der Lehrstellenmarkt ist verschiedenen Einflüssen ausgesetzt. Konjunkturelle Schwankungen konnten die Lehrbetriebe in der Vergangenheit in der Regel gut verdauen. Anders sieht es bei strukturellen Veränderungen aus. Solche können einen langfristigen Effekt haben. Es ist aktuell schwierig, verlässliche Prognosen zu machen. Ein wichtiger Indikator wird sein, in welchem Umfang die Unternehmen 2021 Lehrstellen anbieten werden. Das wird sich in der zweiten Jahreshälfte 2020 zeigen.

Die Task Force ist befristet bis Ende 2020. Was passiert danach?
Die Task Force setzt sich aus den Mitgliedern des Steuergremiums der Initiative «Berufsbildung 2030» zusammen. Langfristige Fragen zum Lehrstellenmarkt können künftig auch im Rahmen dieses Gremiums behandelt werden. Zudem besteht weiterhin die Möglichkeit, beim Bund Projektfördergesuche einzureichen.

Weitere Informationen

Dani Duttweiler, SBFI
Leiter Ressort Berufsbildungspolitik

www.taskforce2020.ch

https://www.sbfi.admin.ch/content/sbfi/de/home/dienstleistungen/publikationen/publikationsdatenbank/s-n-2020-4/s-n-2020-4b.html