Editorial

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser

Man soll bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber dennoch: Die Task Force «Perspektive Berufslehre 2020», angesichts der Covid-19-Pandemie im Mai ins Leben gerufen, vermeldet basierend auf kantonalen Trendmeldungen zum vierten Mal in Folge eine erfreuliche Lehrstellensituation. Die bis Ende August 2020 abgeschlossenen Lehrverträge, rund 73'000 an der Zahl, ergeben einen Wert, der sogar leicht über dem des Vorjahres liegt. Klar ist dieser Wert gesamtschweizerisch zu verstehen, und sind Unterschiede einerseits im Branchen- und anderseits im sprachregionalen Vergleich festzustellen. Doch insgesamt präsentiert sich der Schweizer Lehrstellenmarkt bis dato als krisenresistent. Ein Zeichen dafür ist nicht zuletzt auch die Tatsache, dass es selbst für das laufende Jahr noch offene Lehrstellen gibt.

Auch die Situation am sogenannten Übergang II, d.h. von der abgeschlossenen Berufslehre in den Arbeitsmarkt, zeigt sich anhand der Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco zurzeit nicht als kritisch; die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit sind zwar – wie dies bei wirtschaftlichen Krisen üblich ist – vergleichsweise gestiegen, jedoch nicht alarmierend. Auch entsprechende Erhebungen der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigen, dass die Betriebe ausgelernte Personen nach wie vor weiterbeschäftigen. Die Berufsbildung kommt also ihrem Auftrag nach, dass Personen mit einem eidgenössischen Berufsattest oder Fähigkeitszeugnis grundsätzlich in der Lage sein sollen, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.

Alles in allem sind das richtig gute Signale für die Berufsbildung. Dabei müssen wir auch eingestehen, dass eine «Entwarnung» für dieses Jahr keinen Selbstläufer für 2021 und die Folgejahre bedeutet. Dies aber nicht, weil die Berufsbildung an sich ein Problem hat. Aufgrund ihrer Dualität basiert sie auf ausbildenden Betrieben. Diese wiederum sind abhängig von der allgemeinen Wirtschaftslage, deren Entwicklung wir heute nicht klar kennen. Anders ausgedrückt käme, wenn denn, vor einer «Berufsbildungskrise» eine «Wirtschaftskrise».

Die letzten Monate haben eindrücklich gezeigt: Die Berufsbildung verfügt heute über zielgerichtete Instrumente wie Lehrstellenförderung oder Coaching- und Mentoring-Angebote. Leichtfertige Systemeingriffe könnten das Erfolgsmodell gefährden. Umso wichtiger ist es, die Berufsbildung gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeit zu fördern und ihren Wert gegenüber den Jugendlichen und ihren Eltern zu kommunizieren. Sie ist eine solide Grundlage für die berufliche Weiterentwicklung. Und damit dies auch in einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt weiterhin möglich bleibt, sorgen die Verbundpartner Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt für günstige Rahmenbedingungen.

Martina Hirayama
Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Innovation

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