Editorial

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser

Die thematisch, rechtlich und finanziell äusserst komplexe Ausgestaltung von Horizon Europe, dem neunten Rahmenprogramm der EU für Forschung und Innovation, befindet sich kurz vor ihrem Abschluss (lesen Sie dazu den entsprechenden Artikel in diesem Magazin). Die Assoziierung am sogenannten «Horizon-Paket» – am eigentlichen Rahmenprogramm Horizon Europe als Kern des Ganzen, am Euratom-Programm, am Digital Europe Programm und am Fusionsreaktor ITER – zählt zu den bundesrätlichen Zielen des Jahres 2021. Die dafür notwendigen «Hausaufgaben» sind auf Schweizer Seite gemacht. Ein Assoziierungsbeitrag der Schweiz in der Höhe von rund sechs Milliarden Franken ist gesprochen, eine revidierte nationale Verordnung ist in Kraft und das Verhandlungsmandat ist verabschiedet.

Die Gründe für das grosse Interesse der Schweiz an einer auch künftigen Forschungs- und Innovationszusammenarbeit mit der EU auf Augenhöhe sind zahlreich und vielschichtig.
Da sind zum einen die Ergebnisse aus den Rahmenprogrammen für Forschung und Innovation. Unabhängig davon, in welchem Land eine Hochschule, Forschungsinstitution oder ein Unternehmen beheimatet ist, in der Summe ermöglichen F&I-Akteure durch ihre länderübergreifende Kooperation und die Koordination ihrer Anstrengungen im Rahmen dieser Programme einen wissenschaftlichen und oftmals technologischen Mehrwert für sich und die Projektpartner, letztlich aber für ganz Europa.
Ein zweiter Punkt betrifft das auf Konkurrenz beruhende Prinzip der Programme. Die Budgets gerade von Horizon Europe, dem weltweit grössten Förderinstrument dieser Art, sind zwar ausserordentlich hoch. Aber dennoch reicht es nur für die Finanzierung der besten Ideen, Projekte und Köpfe. Konkurrenz fordert die eigenen Stärken und Kompetenzen heraus und fördert sie. Das gilt für alle Länder, die in diesem Wettbewerb mitmachen.
Eine dritte Überlegung zielt auf die grossen Herausforderungen ab, die vor Landesgrenzen nicht haltmachen: Digitalisierung, Klimawandel, Energieversorgung, alternde Bevölkerung, Migration oder Covid-19 eröffnen Fragen, die zu beantworten gemeinschaftliche Herangehensweisen und die Zusammenlegung der besten Kräfte erfordern. Zusammenarbeit in Grundlagenforschung, anwendungsorientierter Forschung, Innovation und Implementierung mit Partnern sozusagen «next door» ist bei aller Globalisierung der F&I-Welt von entscheidendem Vorteil.

Nüchtern betrachtet sprechen diese und weitere gute Gründe für ein reziprokes Interesse der EU auch an der Schweiz. Bei den hoffentlich zeitnah startenden Assoziierungsverhandlungen zu Horizon Europe geht es um die Weiterführung der erfolgreichen Forschungs- und Innovationszusammenarbeit, um nichts weniger, aber eben auch um nichts mehr. Ein Zusammenhang mit einem Institutionellen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU ist rechtlich wie sachlich nicht gegeben. Bei den derzeit durch die EU blockierten technischen Gesprächen wird allerdings trotzdem eine politische Verbindung mit dem Institutionellen Abkommen gemacht.

Wichtig ist noch dies. Wie bei den zwei vorangegangenen Rahmenprogrammen findet bei Horizon Europe eine rückwirkende Inkraftsetzung von Assoziierungsabkommen statt. Vor diesem Hintergrund können sich auch Schweizer Akteure an den angelaufenen ersten Ausschreibungen in Horizon Europe beteiligen und sie machen von dieser Möglichkeit hoffentlich regen Gebrauch.

Martina Hirayama
Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Innovation

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