«Internationaler Austausch unter Forschenden ist ein Innovationstreiber»

Warum ist die internationale Zusammenarbeit für BFI-Akteure in der Schweiz wichtig? Waseem Hussain von der ZHAW, Joëlle Comé vom Istituto svizzero in Rom und Sylvian Fachard, Direktor der Schweizerischen archäologischen Schule in Griechenland, geben Antworten.

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Waseem Hussain leitet die Stabsstelle Internationales an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. In seiner bisherigen beruflichen Tätigkeit arbeitete er als Südasien-Korrespondent, leitete ein indisch-schweizerisches Joint Venture und war Gastdozent an verschiedenen schweizerischen Hochschulen. Zusammen mit Doris Hysek ist Waseem Hussain für das Leading House-Mandat der ZHAW zuständig. Bild: ZHAW

Die ZHAW ist seit 2017 Leading House für Südasien und Iran. In der Mandatsperiode 2017–2020 haben sie zehn Ausschreibungen für bilaterale Forschungs- und Innovationsvorhaben durchgeführt und rund 130 bilaterale Kooperationsprojekte unterstützt.

Wie trägt Ihre Institution zur Internationalisierung des Bildungs-, Forschungs- und Innovationsstandorts Schweiz bei?
Waseem Hussain: Die ZHAW ist international stark vernetzt und pflegt ihre internationalen Beziehungen sehr aktiv. Viele unserer Forschenden und Dozierenden stehen fast täglich in Kontakt mit in oft renommierten Institutionen arbeitenden Partnern im nahen und fernen Ausland. Sie sind engagiert in der grenzüberschreitenden Curricula-Entwicklung, in transnationalen Projekten sowie in der Entwicklung von Innovationen. In unserer Rolle als Leading House stellen wir unsere Erfahrungen und Netzwerke in den Dienst der Schweizer Hochschulen.

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Besuch einer iranischen Wissenschaftsdelegation an der ZHAW School of Engineering, organisiert vom Leading House South Asia and Iran. Bild: ZHAW

Wie schätzen Sie die Wichtigkeit der internationalen Forschungszusammenarbeit ein?
Die unterschiedlichen Blickwinkel, die verschiedenen Rahmenbedingungen und Arbeitsmethoden wirken sich positiv auf den Erkenntnisgewinn und die Forschungsergebnisse aus. Den internationalen Austausch unter Forschenden sehe ich klar als Innovationstreiber.

2021 hat für Sie eine neue Mandatsperiode der Unterstützung durch das SBFI begonnen. Welche Pläne haben Sie für die nächsten vier Jahre?
Unser Mandatsgebiet umfasst neun Länder. Mit Indien und dem Iran pflegen wir seit längerem eine enge Zusammenarbeit, die wir in den kommenden Jahren gemeinsam mit unseren lokalen Partnern kontinuierlich ausbauen wollen. Zudem möchten wir mit zwei weiteren Ländern ähnliche Partnerschaften aufbauen. Gleichzeitig richten wir unsere Finanzierungsinstrumente und die administrativen Abläufe noch mehr an den Bedürfnissen der Forschenden in der Schweiz aus.

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Joëlle Comé ist seit 2016 Direktorin des Istituto Svizzero in Rom. Nach einem Master in Filmwissenschaften am INSAS (Brüssel) arbeitete sie erst für das IKRK, leitete dann die Studienrichtung Cinéma der ECAL in Lausanne und später das Amt für Kultur des Kantons Genf. Bild: Davide Palmieri

Das Istituto Svizzero in Rom (ISR) bietet als Forschungsinstitut ein reichhaltiges Programm an Aktivitäten, vielfältige Möglichkeiten des Austausches und der individuellen Forschung. So bringt das transdisziplinäre Residenzprogramm exzellente Schweizer Nachwuchsforschende in Kontakt mit der italienischen Wissensgemeinschaft und hilft, Schweizer Spitzenforschung international zu vernetzen.

Wie trägt Ihre Institution zur Internationalisierung des Bildungs-, Forschungs- und Innovationsstandorts Schweiz bei?
Joëlle Comé: Als echte interdisziplinäre Plattform fördert das ISR Verbindungen zwischen der Schweiz und Italien, zwischen Forschenden und Institutionen. Neben dem Eintritt in den italienischen und europäischen Bildungsraum ermöglicht das ISR seinen Forschenden aus den Geistes- und Sozialwissenschaften einen privilegierten Zugang zu einem einzigartigen internationalen Netzwerk aus zahlreichen national und international tätigen Forschungseinrichtungen in Rom. Ausserdem erleichtert das ISR den Austausch durch internationale Panels anlässlich von Seminaren und Konferenzen.

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Die Konferenz «Digital Sounds» am Istituto Svizzero in Rom fand in Zusammenarbeit mit der ETH Lausanne, dem Montreux Jazz Festival, der Claude Nobs Foundation und mit Unterstützung des Instituts Français Italia statt. Bild: ISR

Wie schätzen Sie die Wichtigkeit der internationalen Forschungszusammenarbeit ein?
Sie ist in allen Bereichen der Wissenschaft und der Kunst absolut grundlegend. Forschende, die bei uns wohnen, profitieren von einem stimulierenden internationalen Umfeld, das vor allem für die Innovation förderlich ist. Denn die Forschung geht immer über Landesgrenzen und nationale Fragestellungen hinaus: Der Klimawandel oder die Pandemie beispielsweise erfordern eine internationale Zusammenarbeit. Um uns am entsprechenden globalen Diskurs beteiligen und die Zukunft mitgestalten zu können, stützen wir unsere Tätigkeiten auf Partnerschaften und vielfältige Arten der Zusammenarbeit ab.

2021 hat für Sie eine neue Mandatsperiode der Unterstützung durch das SBFI begonnen. Welche Pläne haben Sie für die nächsten vier Jahre?
Ausgehend von Rom, Mailand, Palermo und Venedig wollen wir unser Netzwerk in Italien weiter ausbauen. Ausserdem möchten wir die Teilnahme an unseren Summer Schools für Universitäten mit einem Mehrjahresprojekt vereinfachen. Des Weiteren werden wir die nachhaltige Entwicklung als regelmässiges Thema in unseren Programmen aufwerten und stärken. Die Umsetzung der digitalen Transformation ist ein weiterer Schwerpunkt. Dazu gehören eine digitale Bibliothek, ein digitales Archiv und der Open Access zu unseren Publikationen.

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Sylvian Fachard ist Professor für klassische Archäologie an der Universität Lausanne (UNIL) und wird ab dem 1. Juni 2021 Direktor der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland ESAG. Nach einem Doktorat an der UNIL verbrachte er einen Teil seiner Karriere in den USA (Harvard Center for Hellenic Studies, Brown University, American School of Classical Studies).

Seit 1964 untersucht die zur Universität Lausanne gehörende Schweizerische Archäologische Schule in Griechenland (ESAG) die antike Stadt Eretria auf der Insel Euböa, unterstützt aber auch andere Schweizer Archäologieprojekte in Griechenland. Ziel der Schule ist es, die kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu vertiefen, archäologische und historische Forschungen in Griechenland zu fördern und die freigelegten Funde zu schützen und aufzuwerten, um damit auch die Ausbildung junger Archäologinnen und Archäologen zu fördern. Bei kürzlich durchgeführten Ausgrabungen konnten Teile eines imposanten Heiligtums der Eretrier freigelegt werden – der Artemis-Tempel von Amarynthos.

Wie trägt Ihre Institution zur Internationalisierung des Bildungs-, Forschungs- und Innovationsstandorts Schweiz bei?
Sylvian Fachard: Als einzige permanente archäologische Mission der Schweiz im Ausland trägt die ESAG zur Ausbildung von Studierenden und Forschenden in einem internationalen Umfeld bei. Sie bietet eine solide wissenschaftliche Plattform, um in Griechenland, der Wiege mehrerer antiker Zivilisationen, Forschungsarbeiten durchzuführen, und bündelt internationale Kompetenzen, die direkt der Bildung und Forschung in der Schweiz zugutekommen. Gleichzeitig unterstreicht sie im Ausland die Stärken der Schweizer Forschung.

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3D-Rekonstruktion des östlichen Portikus im Tempel der Artemis Amarysia bei Amarynthos. Bild: Oliver Bruderer, ZhDK

Wie schätzen Sie die Wichtigkeit der internationalen Forschungszusammenarbeit ein?
Sie ist von grundlegender Bedeutung. Unsere Forschenden profitieren von einem Kooperationsnetzwerk aus im Mittelmeerraum tätigen grossen europäischen und amerikanischen Universitäten. Kooperationen sind nicht wegzudenken, und zwar nicht nur in der archäologischen Forschung an sich, sondern auch beim Beitrag der Naturwissenschaften oder bei der systematischen Verwendung digitaler Technologien.

2021 hat für Sie eine neue Mandatsperiode der Unterstützung durch das SBFI begonnen. Welche Pläne haben Sie für die nächsten vier Jahre?
Wir haben das grosse Glück, an der Freilegung eines erst kürzlich entdeckten grossen Heiligtums in Amarynthos auf der Insel Euböa arbeiten zu dürfen. Mithilfe unserer griechischen Kolleginnen und Kollegen untersuchen wir diese aussergewöhnliche Fundstätte unter Verwendung modernster archäologischer und archäometrischer Methoden, die bisher nur selten bei der Ausgrabung griechischer Heiligtümer zum Einsatz kamen. Es ist ein tolles Projekt, das den Schweizer Forschenden mehr Sichtbarkeit verleiht und die Nachwuchskräfte in Altertumswissenschaften motiviert.

Weitere Informationen

Maria Peyro Voeffray, SBFI
Leiterin a.i. Abteilung Internationale Beziehungen

www.sbfi.admin.ch/fzsl

https://www.sbfi.admin.ch/content/sbfi/de/home/dienstleistungen/publikationen/publikationsdatenbank/s-n-2021-2/s-n-2021-2c.html