Editorial

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser

Die Covid-19-Pandemie fördert viele gesellschafts- und politikrelevante Fragen an die Oberfläche. Eine davon zielt auf den Föderalismus der Schweiz und seine Tragfähigkeit in verschiedensten Belangen. Schauen wir diese Frage mit Bezug auf unser Bildungssystem an.
 
Die Nähe der einzelnen Kantone und Gemeinden zur «Bildung» sorgt für Lösungen, die den unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten und Bedürfnissen Rechnung tragen. Die differenzierten gymnasialen Maturitätsquoten und, damit korrespondierend, das unterschiedliche Gewicht der beruflichen Grundbildung in den einzelnen Kantonen sind Ausdruck dafür. Diese «géometrie variable» ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Schweizer Bevölkerung in immer höherem Masse ausgebildet ist. Laut Bundesamt für Statistik haben mittlerweile von den 25- bis 64-Jährigen gut 45 Prozent einen Bildungsabschluss auf Tertiärstufe. Vor 20 Jahren waren es 20 Prozentpunkte weniger. Einen grossen Anteil daran haben die höhere Berufsbildung mit einem Drittel der Abschlüsse sowie die hohe Durchlässigkeit unseres Bildungssystems.

Ein erfolgreicher Bildungsföderalismus braucht auch ein wohldosiertes Mass an Zusammenarbeit der verantwortlichen Stellen und Akteure und, wo nötig, gemeinsame Regeln. Die Koordinations- und Kooperationspflicht zwischen Bund und Kantonen ist ein Verfassungsauftrag, die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) ist diesbezüglich eine wichtige Partnerin für den Bund.

Gemeinsame Stossrichtungen sind in der Berufsbildung wichtig, weil es hier darum geht, curricula bereitzustellen, die berufsbefähigend auf der Höhe der Zeit sind und gleichzeitig das Commitment der Verbundpartner Bund, Kantone und Branchenverbände über die Sprachgrenzen hinweg haben – Arbeitgeber müssen sich darauf verlassen können, dass eine Berufsausbildung in St. Gallen und Genf vergleichbar ist.
Auch das Projekt «Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität» zielt auf die gesamtschweizerische Ebene im Willen, die anerkannte Qualität der gymnasialen Maturität weiterhin schweizweit und auf lange Sicht zu sichern und den prüfungsfreien Zugang zu allen Universitäten sicherzustellen.
Ort der Absprache für eine gemeinsame Hochschulpolitik schliesslich ist die Schweizerische Hochschulkonferenz (SHK). Koordination und Qualitätssicherung erfolgen unter Wahrung der Autonomie der eidgenössischen und kantonalen Hochschulen. Die Weiterentwicklung des Gesamtsystems, die Schärfung der Profile und die Bildung von Schwerpunkten im Sinne eines effektiven und effizienten Hochschulsystems gewinnen im internationalen Wettbewerb weiter an Bedeutung.

Zwar hat die Covid-19-Pandemie auch im Bereich Bildung, Forschung und Innovation Verbesserungspotential zutage gefördert, welches es anzugehen gilt. Aber in der Summe dürfen wir feststellen, dass der Föderalismus eine basale Stärke des BFI-Bereichs ist: Eigenverantwortliche Akteure konzentrieren sich auf ihre Aufgaben und Interessen und sie koordinieren sich vorab an den systemischen Nahtstellen. Dieses erfolgreiche Setting ist gute Basis auch für die internationale Ebene der BFI-Zusammenarbeit, die künftig fraglos weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Martina Hirayama
Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Innovation

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