Editorial

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser

Panta rhei! Damit sie den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht bleiben, werden gemäss Berufsbildungsgesetz (BBG) alle 240 beruflichen Grundbildungen periodisch auf wirtschaftliche, technologische, ökologische und didaktische Entwicklungen hin überprüft und angepasst. Ohne Revisionen veralten sie, die arbeitsmarktorientierte Berufsbildung – einer der Standortvorteile der Schweiz – verlöre an Wert.

Dies gilt auch für die kaufmännische Grundbildung. Sie ist der Beruf mit der höchsten Anzahl an Ausbildungsverträgen, rund 40'000 insgesamt. Die Struktur der Ausbildung ist komplex: 19 Ausbildungsbranchen, eine stark schulisch organisierte Grundbildung, verschiedene schulische Optionen, hoher Anteil an Berufsmaturität, grosse Bedeutung der Fremdsprachen und andere Faktoren mehr. Diese Komplexität macht eine Reform des «KV» sehr anspruchsvoll. Die KV-Reform geriet in der ersten Jahreshälfte in die Schlagzeilen und war Gegenstand politischer Debatten, an der sich exemplarisch ein paar generelle Punkte zur Berufsentwicklung hervorstreichen lassen.

Zuständig für die Bildungsinhalte sind die Träger, die Organisationen der Arbeitswelt. Sie haben ein Interesse, dass ihre beruflichen Grundbildungen am Puls der Zeit sind. Die Unternehmen sind auf einen mit den Bedürfnissen der modernen Arbeitswelt vertrauten Berufsnachwuchs angewiesen. Die jungen Erwachsenen ihrerseits erwarten, dass sie nach ihrer Ausbildung direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen oder, mit der Berufsmaturität, ihre Ausbildung an einer Fachhochschule fortsetzen können. Die Schweiz fährt sehr gut damit, dass die Wirtschaft die Bildungsinhalte festlegt, während Bund und Kantone für gute Rahmenbedingungen sorgen.

Die berufliche Grundbildung findet im Betrieb, in der Schule und in überbetrieblichen Kursen statt. Die Lernenden erhalten so breit abgestütztes Rüstzeug für den Berufsalltag. Erlernt wird, was dort gebraucht wird, sowie Allgemeinwissen, welches die Lernenden dazu befähigt, den Zugang zur Arbeitswelt zu finden, darin zu bestehen und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Mit dem 2004 in Kraft getretenen BBG wurde das Paradigma des Handlungskompetenzansatzes in das Berufsbildungssystem aufgenommen. Dieses Paradigma ist heute bei fast allen beruflichen Grundbildungen umgesetzt. Ziel ist, dass auch das schulische Lernen im Rahmen einer Berufsausbildung immer in einem berufsrelevanten, arbeitsmarktlichen Kontext steht.

Die Reform des «KV» hat gezeigt, wie wichtig eine sorgfältige und einvernehmliche Abstimmung zwischen den Verbundpartnern der Berufsbildung – Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt – ist. 2017 startete eine breit abgestützte Trägerschaft die KV-Reform. Das SBFI hat die in der Anhörung geäusserten Bedenken, namentlich der Kantone und der Organisationen der Lehrerschaft, ernst genommen. So wurde das Inkrafttreten um ein Jahr auf den 1. Januar 2023 verschoben. Dadurch steht mehr Zeit für die Umsetzung zur Verfügung. Auch alle weiteren offenen Punkte zur Ausgestaltung der Ausbildung konnten zwischenzeitlich verbundpartnerschaftlich geklärt werden.

Panta rhei – alles fliesst – ist in der Arbeitswelt ein unumstössliches Paradigma. Die Berufsentwicklung muss hier Schritt halten. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass die Verbundpartner in der Berufsentwicklung eng zusammenarbeiten. Ebenso wichtig ist es, alle betroffenen Akteure rechtzeitig einzubeziehen und zu informieren. Das SBFI begleitet und unterstützt die Verbundpartner in diesem wichtigen Prozess.

Martina Hirayama
Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Innovation

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