Lebenslanges Lernen als selbstverständliche Realität

Digitalisierte Arbeitsabläufe, globalisierte Arbeitsmärkte und Veränderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt fordern Individuen und Unternehmen heraus. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie zeigen exemplarisch, wie entscheidend Bildung für das individuelle Fortkommen und die berufliche Mobilität ist. Entsprechend wird in der Schweiz der Weiterbildung und der Umschulung sowie dem Wiedereinstieg ins Berufsleben und ganz allgemein dem lebenslangen Lernen ein hoher Stellenwert beigemessen. Welche Überlegungen und Erwartungen sind damit verbunden?

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Lebenslanges Lernen umfasst jede Art von Lernen über alle Altersstufen und Bildungsbereiche hinweg – ob in der (Berufsfach-)Schule, im Vorbereitungskurs zur eidgenössischen Berufsprüfung als Cyber Security Specialist, beim App-basierten Sprachenlernen oder beim Lernen am Arbeitsplatz. Es deckt verschiedenste Erwartungen ab. Lebenslanges Lernen trägt beispielsweise dazu bei, dass breite Teile der Bevölkerung mit neuen Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft Schritt halten können. Unternehmen profitieren von gut ausgebildeten Fach- und Führungskräften, die Individuen erhalten sich ihre persönliche Beschäftigungs- und Wettbewerbsfähigkeit. Auch ist lebenslanges Lernen wichtig für die persönliche Weiter-entwicklung und Selbstverwirklichung.

Aufeinander abgestimmte Angebote

Die Vermittlung beruflicher Kompetenzen erfolgt in der Schweiz in einem abgestimmten und durchlässigen System aus

  • formalen Abschlüssen (formale Bildung auf Sekundarstufe II und Tertiärstufe),
  • rasch anpassungsfähiger, berufsorientierter Weiterbildung (nicht-formale Bildung, z. B. Kurse, Branchenzertifikate etc.),
  • und informellem Lernen (Lernen am Arbeitsplatz, Fachliteratur).

Ein weiterer Pluspunkt in der Schweiz ist die grosse Nähe der Berufsbildung zum Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft ist über die Organisationen der Arbeitswelt in die Entwicklung und Aktualisierung der Abschlüsse der Berufsbildung und der Weiterbildungsangebote eingebunden.

Ein Wechsel der Tätigkeit und lebenslanges Lernen sind dank des durchlässigen Bildungssystems der Schweiz jederzeit möglich. Vorhandene Kompetenzen können aktualisiert oder mit neuen Kompetenzen, auch direkt durch Lernen am Arbeitsplatz, ergänzt werden. Zeitintensive Umschulungen in Berufe mit völlig anderen Kompetenzen sind selten.

Die sogenannte berufsorientierte Weiterbildung ermöglicht es, bestehende berufliche Qualifikationen zu erneuern, zu vertiefen und zu erweitern oder neue berufliche Qualifikationen zu erwerben. Dies unterstützt die individuelle berufliche Flexibilität. Zur berufsorientierten Weiterbildung zählen beispielsweise Kurse, um sich Kenntnisse in neuen IT-Tools anzueignen. Dadurch können sich Arbeitnehmende und Unternehmen rasch an neue Gegebenheiten und Anforderungen anpassen.

Lernen ist ein sich selbst verstärkender Prozess

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Prof. Dr. Katrin Kraus, Professorin für Berufs- und Weiterbildung, Universität Zürich, Bild: zVg

«Lebenslanges Lernen besteht aus vielen kleinen Schritten. Dabei ist der ‘subjektive Faktor’ wichtig: Ist Lernen zum jeweiligen Zeitpunkt inhaltlich relevant, (berufs)biographisch sinnvoll und im Alltag umsetzbar? Dies hängt stark vom Kontext ab: Hat es passende Angebote und förderliche Rahmenbedingungen? Gibt es Anforderungen oder Ziele, die Lernen erfordern? Findet Lernen in der beruflichen und sozialen Umgebung Anerkennung?

Lernen ist ein sich selbst verstärkender Prozess: positive Lernerfahrungen führen zu mehr Lernen. Lebenslanges Lernen kann also gefördert werden, indem man Menschen positive Lernerfahrungen ermöglicht und gute Rahmenbedingungen bereitstellt, in denen neue Lernvorhaben mit Erfolg umgesetzt werden können.»

Hohe Weiterbildungsbeteiligung

Die Weiterbildungsbeteiligung in der Schweiz ist hoch: Im Jahr 2019 gaben rund 27% der ständigen Wohnbevölkerung zwischen 25 und 74 Jahren an, innerhalb der letzten vier Wochen an mindestens einer Weiterbildungsaktivität (nicht-formale Bildung) teilgenommen zu haben. Insgesamt hat die Teilnahme an Weiterbildung von 2011 bis 2019 um knapp neun Prozent zugenommen. Mit solchen Teilnahmequoten liegt die Schweiz im internationalen Vergleich seit Jahren an der Spitze.

Die Weiterbildungsbeteiligung unterscheidet sich allerdings unter anderem nach Bildungsstand, Arbeitsmarktstatus sowie nach beruflicher Stellung. Generell nimmt die Weiterbildungsbeteiligung ab etwa 55 Jahren ab.

Die Weiterbildungsteilnahme ist durch die Covid-19-Pandemie vor allem im zweiten Quartal 2020 zurückgegangen (17% statt wie zuvor 29%). Sie hat sich aber bis Ende 2020 wieder deutlich erholt. Im vierten Quartal 2020 war sie nur noch um vier Prozentpunkte niedriger als in den vier Jahren zuvor. Der im Jahr 2020 beobachtbare Rückgang in der Weiterbildungsbeteiligung betraf alle Altersklassen, bei den 60- bis 74-Jährigen war er jedoch deutlich ausgeprägter als bei den Jüngeren. Dabei waren alle Sprachregionen von diesen Veränderungen ähnlich betroffen.

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In den Weiterbildungsstatistiken nicht erfasst wird der informelle Kompetenzaufbau (ohne Kursbesuch).

Diese Art von Lernen macht einen Grossteil des lebenslangen Lernens aus.

Gerade während der Corona-Pandemie haben sich beispielsweise viele Menschen durch eine veränderte Arbeitssituation im Homeoffice neue Kompetenzen angeeignet.

Weitere Informationen

Philipp Theiler, SBFI
Leiter Ressort Weiterbildung und Projektförderung

https://www.sbfi.admin.ch/content/sbfi/de/home/dienstleistungen/publikationen/publikationsdatenbank/s-n-2021-5/s-n-2021-5b.html