«Die Bedeutung von Bildung und Forschung hat in den letzten Jahren weiter zugenommen»

Josef Widmer ist seit dem 1. Januar 2013 stellvertretender Direktor des SBFI. In dieser Funktion ist er unter anderem verantwortlich für die Berufs- und Weiterbildung, die allgemeinbildenden Schulen, das Bildungsmonitoring, die Diplomanerkennung sowie sämtliche Ressourcen-Belange des SBFI. Per Ende 2021 tritt Josef Widmer von seiner Funktion zurück und widmet sich neuen Tätigkeiten im BFI-Bereich.

«Die dynamische Entwicklung der Arbeitswelt in den letzten Jahren zeigt, dass das lebenslange Lernen und die sogenannten Soft Skills immer wichtiger werden.»

Josef Widmer
stv. Direktor Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation
Bild: Monique Wittwer

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Wie hat sich die Bildungslandschaft Schweiz in den rund zehn Jahren, in denen Sie im SBFI waren, verändert?
Josef Widmer: Die Bedeutung der Bildung, aber auch der Forschung, als zentrale Faktoren im internationalen Wettbewerb ist noch grösser geworden. Die dynamische Entwicklung der Arbeitswelt hat die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens und die Bedeutung der sogenannten Soft Skills verstärkt. Die Digitalisierung wiederum hat neue Möglichkeiten für wirksames Lehren und Lernen eröffnet, die gerade in der Pandemie sehr gefragt waren und es weiter sein werden. Und nach wie vor steht das eigenständige Schweizer Bildungssystem im Zeichen der Internationalisierung und Globalisierung unter einem gewissen Anpassungsdruck, namentlich was die Tertiarisierung betrifft. In einigen Jahren werden fast 60 Prozent der Erwerbstätigen über einen tertiären Bildungsabschluss (Uni, Fachhochschule oder höhere Berufsbildung) verfügen.

Welche Meilensteine wurden aus Ihrer Sicht erreicht?
Auf der Sekundarstufe II haben wir wichtige Reformprojekte auf den Weg gebracht. Sowohl die verbundpartnerschaftliche Initiative «Berufsbildung 2030» wie auch das gemeinsame Projekt «Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität» von EDK und SBFI verfolgen das Ziel, die Ausbildungen auf die Herausforderungen der Zukunft auszurichten. Beide Vorhaben sind gut unterwegs.

Auf der Tertiärstufe ist vor allem die Stärkung der höheren Berufsbildung zu erwähnen, namentlich durch die 2017 eingeführte Subjektfinanzierung bei den Eidgenössischen Prüfungen.

Auf übergeordneter Ebene haben Bund und Kantone ihre Zusammenarbeit im Bildungsbereich auf eine solide Grundlage gestellt. Das Bildungsmonitoring mit dem alle vier Jahre erscheinenden Bildungsbericht und der gemeinsame Zielprozess funktionieren gut.

Welche Entwicklung oder welcher Trend im Politikbereich Bildung, Forschung und Innovation hat Sie am meisten überrascht?
Die Trends haben mich nicht überrascht, hingegen ab und zu politische Entwicklungen. So hatte die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 zur Folge, dass sich die Schweiz bei der Forschung erst mit Verspätung (2017) und bei der Bildung gar nicht an die europäischen Programme «Horizon 2020» beziehungsweise «Erasmus+» assoziieren konnte. Auch jetzt verzeichnen wir in beiden Dossiers einen Stillstand – aus bekannten politischen Gründen. Ich bin überzeugt: Als kleines Land kann sich die Schweiz eine «Isolation» auf längere Sicht nicht leisten. Unsere BFI-Akteure brauchen sowohl bei der Forschung wie bei der Bildung den Austausch und Wettbewerb mit ihren europäischen Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe.

Fokussiert auf die Berufsbildung: Wo ist diese weniger weit, als Sie sich das wünschen würden?
Ein Punkt sind nach wie vor die breitgefächerten Strukturen, sowohl auf kantonaler Seite wie auf Seite der Berufsverbände. Diese erschweren in gewissen Fällen nachhaltige Zukunftslösungen, etwa bei der Digitalisierung oder bei der Stärkung der Höheren Fachschulen.

Handlungsbedarf orte ich auch bei der Berufsentwicklung, das heisst das regelmässige Update der Berufe. Die wegen der Dynamik auf dem Arbeitsmarkt immer häufigeren Reformen bringen die Akteure zunehmend an ihre Grenzen. Hier brauchen wir neue, effiziente und schlanke Lösungen.

Und schliesslich möchte ich die Digitalisierung erwähnen, wo zwar – auch dank der Pandemie – deutliche Fortschritte erzielt wurden, aber die Chancen noch zu wenig konsequent genutzt werden.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die Berufsbildung weiterhin ein Erfolgsmodell bleibt und was würden Sie den Verbundpartnern diesbezüglich raten?
Es braucht vor allem systemisch fundierte und kluge bildungspolitische Entscheide der Behörden beim Bund und in den Kantonen. Es freut mich, dass bisher in verschiedenen Bereichen gute Lösungen erzielt werden konnten. Die Berufsbildung hat sich in der Corona-Krise nicht nur als sehr krisenresistent erwiesen, sondern ist nach wie vor stark und gut verankert in Wirtschaft und Gesellschaft. Das ist – gerade wenn man mit unseren Nachbarländern Deutschland und Österreich vergleicht, wo die Berufsbildung an Terrain verliert – alles andere als selbstverständlich.

Ferner braucht es viel Kommunikation, um die Vorzüge der Berufsbildung immer wieder öffentlich zu erklären. Und die Verbundpartner sind gehalten, die Grundprinzipien der Schweizer Berufsbildung zu pflegen: Arbeitsmarktorientierung, Attraktivität für Unternehmen und Lernende, Dualität von Theorie und Praxis, Berufsprinzip, Verbundpartnerschaft, Durchlässigkeit usw.

Sie hatten als stellvertretender Direktor des SBFI auch verschiedenste internationale Treffen im In- und Ausland. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Als ich 2013 im SBFI angefangen habe, hat die EU-Kommission schon bald die «European Alliance for Apprenticeships» gestartet. Viele Delegationen aus europäischen Ländern sind anschliessend in die Schweiz gekommen. Ich habe damals unzählige Delegationen empfangen und ihnen das Schweizer Berufsbildungssystem erklärt. Dieses ist allerdings historisch gewachsen und kann nicht einfach kopiert werden. In vielen Ländern fehlen fundamentale Voraussetzungen, etwa das Verbandswesen oder das politische Commitment, um den langen Weg hin zu einer gut verankerten Berufsbildung zu gehen. In der Zwischenzeit hat die anfängliche Euphorie (auch bei uns) einer gewissen Ernüchterung Platz gemacht.

Eine Ihrer vielen internen Aufgaben war die Führung des Projekts «Digitales SBFI». Sind Sie zufrieden mit dem aktuellen Stand der Dinge oder salopp gefragt: Kann die Verwaltungseinheit SBFI Digitalisierung?
Ja, sie kann, aber es braucht noch einiges. Ich habe das Projekt «Digitales SBFI» Ende 2018 initialisiert. Es galt, die ganze Organisation «mitzunehmen» und einen pragmatischen Ansatz zu wählen. Wir haben zunächst drei Handlungsfelder definiert, die wir prioritär weiterverfolgen wollten. Eines dieser Felder ist der Umgang mit Daten in unserer Einheit. Wir haben realisiert, dass wir hier noch viel Arbeit vor uns haben, um unsere Daten so zu pflegen, dass sie eine weitergehende Nutzung ermöglichen. Aber wir sind dran und experimentieren mit «use cases».

Ein zweites Feld sind die digitalen Kompetenzen unserer Mitarbeitenden. Wir wissen in der Zwischenzeit, welche Kompetenzen es braucht, fördern entsprechende Weiterbildungen und organisieren sogenannte interne «Skill Exchanges». Hier sind wir gut unterwegs.

Werden Sie sich künftig noch in der einen oder anderen Form mit dem Themenbereich BFI befassen?
Ich trete Ende 2021 von meinen Funktionen im SBFI zurück, werde aber bis April 2022 einige Projekte zu Ende führen. Anschliessend möchte ich etwas kürzertreten, aber dem BFI-Bereich bleibe ich treu. Gerne möchte ich meine Kenntnisse und Erfahrungen, aber auch mein Netzwerk weiter nutzen und zur Verfügung stellen.  

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