Pionier der Online-Psychotherapie erhält Marcel Benoist Preis 2021

Der renommierteste und begehrteste Schweizer Wissenschaftspreis Marcel Benoist wird 2021 an Thomas Berger verliehen. Der Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern wird für seine äusserst innovativen Beiträge zur Entwicklung von internetbasierten Psychotherapien ausgezeichnet. Der Marcel Benoist Preis gilt unter Forschenden als Schweizer Nobelpreis und ist mit CHF 250'000 dotiert.

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Thomas Berger von der Universität Bern wird für seine innovativen Beiträge zur Entwicklung von internetbasierten Psychotherapien mit dem Schweizer Wissenschaftspreis Marcel Benoist ausgezeichnet.

Gemäss verschiedenen epidemiologischen Erhebungen leidet in der Schweiz innerhalb eines Jahres über ein Drittel der Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung. So erstaunt die Aussage von Professor Berger nicht: «Wenn ich sage, dass ich im Bereich der Psychotherapie forsche, bekomme ich oft Sätze zu hören wie: Meine Tante hat auch jahrelang an Depressionen oder Schlafstörungen gelitten.»

Doch längst nicht jede betroffene Person erhält bei entsprechender Symptomatik die nötige Hilfe. Die Gründe dafür sind vielfältig. Dank der von Thomas Berger entwickelten und erforschten internetbasierten Angebote können aber einige Hürden für den Zugang zu psychologischer Unterstützung abgebaut werden.

Verschiedene Formen von Online-Therapien

Berger unterscheidet drei Formen von internetbasierten Psychotherapien: Erstens webbasierte Selbsthilfeprogramme und Apps, welche Teilnehmende mit oder ohne Online-Kontakte mit Fachpersonen bearbeiten; zweitens Video-, Chat- oder E-Mail-Therapien, die Psychotherapeutinnen und -therapeuten insbesondere während des Lockdowns häufig angeboten haben; und drittens sogenannte Blended-Therapien, bei welchen Präsenzsitzungen mit Online-Programmen kombiniert werden.

Berger und sein Team haben festgestellt, dass dem Kontakt mit einem Therapeuten auch bei internetbasierten Interventionen eine wichtige Bedeutung zukommt. Während Selbsthilfeprogramme ohne Begleitung weniger wirksam sind, zeigen angeleitete Selbsthilfeprogramme, also solche mit Online-Kontakten zu Fachpersonen, eine vergleichbare Wirkung wie herkömmliche Psychotherapien mit Präsenzsitzungen. Im Bereich der Blended-Therapien wiederum konnten die Forschenden zeigen, dass die Wirkung der Psychotherapie mit dem Einsatz zusätzlicher digitaler Tools verbessert werden kann.

Von den Anfängen im Internet zur krankenkassenanerkannten App

Die ersten Schritte zur Entwicklung von internetbasierten Selbsthilfeprogrammen unternahm Berger vor knapp 20 Jahren während seiner Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten in Freiburg im Breisgau. Er wollte die wertvolle Zeit mit den Patientinnen und Patienten für die Vertiefung individueller Themen nutzen und die standardisierten Komponenten der Verhaltenstherapie zwischen die Therapiesitzungen verlegen. Berger, der schon im Gymnasium gerne programmierte, sah in der zunehmenden Verbreitung des Internets grosses Potenzial. So begann er, internetbasierte Selbsthilfeprogramme zu erarbeiten, mit denen er detailliertes Wissen zu einer bestimmten psychischen Störung und therapeutische Übungen bereitstellte.

Im Rahmen einer Nationalfonds-Studie entwickelte er ein Online-Selbsthilfeprogramm zur Behandlung der sozialen Angststörung weiter und erforschte mit seinem Team dessen Wirksamkeit: «Ich war erstaunt, wie gut die Online-Therapie funktioniert, wenn zusätzlich eine Psychologin bzw. ein Psychologe dem Patienten zwischendurch kurze, motivierende Feedbacks gibt», sagt Berger heute.

Neben seiner eigenen Entwicklertätigkeit widmete er sich auch der Erforschung von Apps und Programmen, welche von Unternehmen in Deutschland bereitgestellt wurden. Die Wirkung dieser sehr professionell gestalteten Tools konnte in gross angelegten Studien mit Beteiligung von Thomas Berger bestätigt werden. Seither finden solche Programme immer häufiger Anwendung. Entsprechende Apps können in Deutschland sogar von Ärztinnen und Psychotherapeuten verschrieben werden. Auch in der Schweiz werden die dadurch auflaufenden Kosten teilweise von Krankenkassen übernommen.

Die Corona-Pandemie als Härtetest für die Online-Therapie

Während der Corona-Pandemie und insbesondere während des Lockdowns mussten viele Psychotherapeutinnen und -therapeuten praktisch über Nacht auf Video-, Chat- oder E-Mail-Therapien umstellen. Hilfreich waren für sie dabei die Qualitätsstandards für Online-Interventionen, zu deren Ausarbeitung Berger schon Jahre zuvor substantiell beigetragen hatte. Zudem standen einige Online-Selbsthilfeprogramme zu diesem Zeitpunkt bereits zur Verfügung. Andere wurden während des Lockdowns frei zugänglich gemacht. Ein Beispiel dafür ist das «Paarlife Online Training», welches das Team rund um Berger in Zusammenarbeit mit Professor Guy Bodenmann von der Universität Zürich entwickelt hat. Wie bei anderen Programmen schnellten die Nutzerzahlen aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen ab März 2020 in die Höhe. «Ein Rückgang der Neuregistrierungen wurde punktgenau mit der Wiedereröffnung von Gartencentern und Coiffeursalons beobachtet», erläutert Berger. Doch auch nach der Wiedereröffnung der meisten Einrichtungen ist die Nachfrage nach niederschwelliger psychologischer Unterstützung gross.  

Es gibt noch viel zu tun

Nachdem die Wirksamkeit der Online-Angebote grundsätzlich bestätigt wurde, beschäftigt sich Berger mit spezifischeren Fragestellungen, um die Programme weiter zu verbessern. Schon immer umgetrieben hat ihn die Frage, wie und bei wem welche therapeutischen Ansätze wirken. «Diesbezüglich wissen wir auch in der herkömmlichen Psychotherapie noch nicht sehr viel. Die Forschung zu Online-Interventionen kann dazu beitragen, ein besseres Verständnis von Wirkmechanismen bei psychologischen Interventionen zu erlangen», so Berger. Im Moment laufen an der Universität Bern mehrere Studien, mit denen die Wirkungsweise der Online-Interventionen untersucht wird.

Zudem erforscht Bergers Team in Kooperation mit den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD) aktuell den Einsatz von Blended-Therapien bei Patientinnen und Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen. Weiter entwickelt die Universität Bern zusammen mit der Psychiatrischen Klinik in Münsingen eine Nachsorge-App. Und in Kooperation mit dem Schweizerischen Roten Kreuz wird eine psychosoziale Online-Hilfe für Geflüchtete erarbeitet. Damit sollen auch besonders vulnerable und über traditionelle Angebote schwer zu erreichende Personengruppen vermehrt Zugang zu fachlichen Hilfeleistungen erhalten.

Für Thomas Berger ist es denn auch wichtig, dass seine Forschung der Gesellschaft zugutekommt: «Es ist für mich eine grosse Ehre, den Marcel Benoist Preis zu erhalten, gerade auch weil er an Forschende vergeben wird, deren Arbeit Nützlichkeit für das menschliche Leben stiftet.»

Weitere Informationen

Aurélia Robert-Tissot, SBFI
Wissenschaftliche Beraterin Ressort Hochschulpolitik

www.marcel-benoist.ch

https://www.sbfi.admin.ch/content/sbfi/de/home/dienstleistungen/publikationen/publikationsdatenbank/s-n-2021-5/s-n-2021-5h.html