Grenzüberschreitende Forschungs- und Innovationszusammenarbeit am Beispiel von Horizon 2020

Im Jahr 2021 endete Horizon 2020, das 8. Rahmenprogramm der Europäischen Union für Forschung und Innovation. Die Schweiz nahm 2014 bis 2016 als teilassoziierter und ab 2017 als vollständig assoziierter Staat daran teil. Die erfolgreiche Teilnahme der Schweiz stärkte sowohl die schweizerische als auch die europäische Forschungs- und Innovationslandschaft und trug massgeblich zur grenzüberschreitenden Vernetzung bei.

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Das Schweizer KMU dhp technology hat ein spezielles Solarfaltdach entwickelt, das Unternehmen eine grosse Flexibilität bei der Solarstromerzeugung einräumt und je nach Bedarf einsetzbar ist. Das Horizon-2020-Projekt wurde vom Schweizer Partner dhp technology koordiniert und erhielt knapp 2,5 Millionen Euro Fördergelder.
Bild: Oliver Oettli

Das EU-Rahmenprogramm Horizon 2020 dauerte von 2014 bis 2021 und deckte mit seinen Förderinstrumenten praktisch die gesamte Wertschöpfungskette von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung bis hin zur technologischen Entwicklung ab:

  1. Pfeiler: Wissenschaftsexzellenz: Die Grundlagenforschung wurde grösstenteils über die bewährten Instrumente des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) und der Marie Skłodowska-Curie-Aktionen (MSCA) gefördert.
  2. Pfeiler: Stärkung der Industrie: Durch fokussierte Investitionen in Forschung und Entwicklung zentraler Industriebereiche wie Informations- und Kommunikationstechnologien, Nanotechnologie, innovative Werkstoffe, Biotechnologie, fortgeschrittene Fertigung und Verarbeitung sowie Raumfahrt wurde die Industrie gestärkt. So erhielten innovative Unternehmen (vor allem KMU) beispielsweise erleichterten Zugang zu Risikofinanzierungen.
  3. Pfeiler: Gesellschaftliche Herausforderungen: Horizon 2020 setzte sieben thematische Schwerpunkte, die auf die Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen abzielten.
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Programmstruktur von Horizon 2020

Internationale Kooperationen in Horizon 2020

Ein wichtiges Ziel der EU-Rahmenprogramme für Forschung und Innovation ist die Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bzw. Vernetzung und der Mobilität von Forschungs- und Innovationsakteuren. Damit soll die Entwicklung des Europäischen Forschungsraums (European Research Area, ERA) vorangetrieben werden. Auch für Forschende stellt die Einbindung in internationale Netzwerke, neben dem Wettbewerb um Fördergelder, einen der Hauptgründe für die Teilnahme an Ausschreibungen und Projekten von Horizon 2020 bzw. der EU-Rahmenprogramme im Generellen dar.

Die folgende Abbildung zeigt die Häufigkeit der Projekte, an welchen mindestens je ein Partner aus der Schweiz und dem jeweiligen Land beteiligt ist.

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Internationale Kooperationen von Schweizer Projektteilnehmenden bei Horizon 2020: Die Schweiz ist mit sämtlichen EU-Ländern bestens vernetzt: Forschende und Innovatoren in der Schweiz führen gemeinsam mit ihren Partnern in den jeweiligen Ländern dutzende bis gut 2000 (Deutschland) gemeinsame Projekte durch.

Mit Ausnahme der Einzelförderstipendien des ERC und der MSCA finanzierte ein substanzieller Teil des Gesamtbudgets von Horizon 2020 Verbundprojekte. So haben auch die meisten Teilnehmenden an Horizon 2020, gut 85 Prozent aus allen Ländern, in sogenannten Verbundprojekten partizipiert. Die Aktionen für gesellschaftliche Herausforderungen (3. Pfeiler) wurden auch in dieser Form ausgeschrieben, so dass sich Forschungsteams aus verschiedenen, vorwiegend europäischen Ländern, gemeinsam bewerben konnten. Aber auch bei den Instrumenten zur Förderung der Industrie und technischen Entwicklung (2. Pfeiler) gab es verschiedene Fördermöglichkeiten für Konsortien, welche aus unterschiedlichen internationalen Forschungsteams zusammengesetzt waren.

Gemäss den Teilnahmebedingungen für Verbundprojekte müssen die Forschungskonsortien Partner aus verschiedenen Ländern umfassen. In der Umsetzung dieser Vorgabe entstanden in der Mehrzahl der Fälle Konsortien zwischen öffentlichen Forschungseinrichtungen und Privatunternehmen. Diese Kollaborationen boten sowohl die Möglichkeit zum Abgleich von Forschungsagenden aus verschiedenen Ländern und Institutionen als auch die Gelegenheit zum Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor.

Forschende in der Schweiz sind nicht nur beliebte Projektpartner, sondern auch bei der Koordination von Projekten sehr erfolgreich. Durch das Leiten eines Projekts erhält man oft mehr Einfluss auf das Projekt sowie Zugang zu alle gewonnenen Projektdaten. Projekte mit Schweizer Projektleitung waren bei der Gesuchstellung mit einer Erfolgsrate von knapp 17 Prozent am erfolgreichsten.

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Budgetverteilung von Horizon 2020: Auch beim Budget zeigt sich die Wichtigkeit von grenzüberschreitenden Forschungskonsortien: Vor allem die Pfeiler 2 und 3 (Gesellschaftliche Herausforderungen und Stärkung der Industrie) weisen eine sehr hohe Zahl an Verbundprojekten auf.
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Erfolgsrate bei Projektkoordinationen nach Land in Horizon 2020

Vorteile für die Schweiz

Die Zusammenarbeit im Kontext von Horizon 2020 kreiert nicht nur für Europa Mehrwert und Vorteile, sondern auch für die Schweiz. Laut einem 2019 erschienenen Bericht des SBFI trug die Beteiligung am Programm massgeblich zu vermehrter Wissensproduktion, zur Stärkung der Wirtschaft und zu positiven gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz bei:

Wissensproduktion: Es entstand eine rege Publikationstätigkeit mit gut fünf Publikation pro Projekt. Insbesondere die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in den Verbundprojekten trug dazu bei, dass Publikationen von Teilnehmenden aus der Schweiz mit ausländischen Co-Autoren entstanden. Daneben trugen die Verbundprojekte aber vor allem zum Aufbau und zur nachhaltigen Teilnahme an internationalen Netzwerken und zu deren Stärkung bei. Horizon 2020 spielte auch eine wichtige Rolle in der Ausbildung des Nachwuchses im schweizerischen Forschungs- und Innovationsbereich: Im Schnitt erzeugte jede Projektteilnahme je einen Masterabschluss und ein Doktorat beim Schweizer Partner. Darüber hinaus haben Teilnehmende aus den Hochschulen den Einfluss der Mitarbeit in einem Horizon-2020-Projekt auf die eigene Karriere als sehr positiv bewertet.

Stärkung der Wirtschaft: Die Projekte unter Horizon 2020 führten im Schnitt zu Umsatzsteigerungen bei ca. 30 Prozent aller Schweizer Projektbeteiligungen durch Industrie und KMU sowie zu Unternehmensgründungen bei ungefähr jeder zehnten Projektbeteiligung. Darüber hinaus generierte die Teilnahme an Projekten unter Horizon 2020 in der Schweiz im Mittel einen neuen Arbeitsplatz pro Projektbeteiligung und begünstigte Patentaktivitäten. Im Schnitt generierte fast jede zweite Projektbeteiligung von schweizerischen Unternehmungen ein Patent und die marktnahe Entwicklung innovativer Produkte.

Gesellschaftliche Auswirkungen: Viele Projekte leisteten einen Beitrag zur Umsetzung oder Erarbeitung politischer Strategien in der Schweiz oder trugen zur Allgemeinbildung der Bevölkerung bei.

Vorteile für Europa

Die Teilnahme an den EU-Rahmenprogrammen generiert nicht nur Vorteile und Erfolge für die nationale Forschungs- und Innovationslandschaft, sondern trägt auch aktiv zur Stärkung eines wettbewerbsfähigen Europäischen Forschungsraums bei.

Schweizer Partner wirkten im Kontext von Horizon 2020 zum Beispiel tatkräftig beim «European Green Deal» mit, indem sie sich an verschiedenen Projekten zur Bekämpfung des Klimawandels und der Umweltverschmutzung beteiligten. Ein Beispiel dafür ist das Schweizer Spin-off Daphne Technology, das eng mit europäischen Partnern in Frankreich, Dänemark, Schweden sowie Norwegen zusammenarbeitet. Es bietet als einziges europäisches Unternehmen eine hochmoderne Lösung zur Entfernung von Stickstoff- und Schwefeloxiden aus den Abgasen von Schiffsmotoren und -kesseln an, um so die Umweltauswirkungen der Schifffahrt zu verringern.

Die Schweiz trug während Horizon 2020 auch massgeblich zum Aufbau und zur Weiterentwicklung von europäischen und internationalen Forschungsinfrastrukturen bei. Die Schweiz lieferte zum Beispiel Schlüsseltechnologien für den Versuchsreaktor ITER: Das Swiss Plasma Center betreibt einen von nur drei mittelgrossen Tokamaks (Vorrichtung zur Erzeugung einer kontrollierten Kernfusion) die von EUROfusion ausgewählt wurden. Darüber hinaus ist die SULTAN-Testanlage am Paul Scherrer Institut die einzige Einrichtung, in der die supraleitenden Kabel von ITER unter realen Bedingungen qualifiziert werden konnten.

Die Schweiz steuerte auch wichtiges Wissen für europäische Supercomputer bei. Sie war an der Beschaffung des Supercomputers Large Unified Modern Infrastructure (LUMI) in Finnland beteiligt, einem der leistungsfähigsten Hochleistungsrechner der Welt. Auch zur Beschaffung weiterer solcher Infrastrukturen in Europa trug die Schweiz bei und unterstützt so die Steigerung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit im Bereich Supercomputing.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Exzellente Forschung und Innovation kennt keine Grenzen und profitiert in ihrer Substanz von globalem Wettbewerb und partnerschaftlicher Vernetzung. Die länderübergreifende Zusammenarbeit bringt Vorteile für alle und zeigt, dass viele wissenschaftliche Fragestellungen, innovatorische Bemühungen und gesellschaftliche Herausforderungen besser oder überhaupt erst gemeinsam gelöst werden können.

Autorinnen

Anna Fill, SBFI
Wissenschaftliche Beraterin Ressort EU-Rahmenprogramme

Brita Bamert, SBFI
Wissenschaftliche Beraterin Ressort EU-Rahmenprogramme

Catrina Diener, SBFI
Wissenschaftliche Beraterin Ressort EU-Rahmenprogramme

Weitere Informationen

Horizon 2020 und Euratom (2014–2020)

Zahlen und Fakten zur Beteiligung der Schweiz an den EU-Rahmenprogrammen für Forschung und Innovation

Dieser Artikel stützt sich ausserdem auf folgende Quellen

  • Auswirkungen der Beteiligung der Schweiz an den europäischen Forschungsrahmenprogrammen, Bericht 2019, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation
  • Daten von Ecorda; Ausarbeitung SBFI
  • Daten der Europäische Kommission; Ausarbeitung SBFI
https://www.sbfi.admin.ch/content/sbfi/de/home/dienstleistungen/publikationen/publikationsdatenbank/s-n-2022-3/s-n-2022-3c.html